Im Krieg geboren und Glück gehabt

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Autor: Edith K.

Als „Evakuierte“ hat es mich mit meiner Mutter in ein ganz entlegenes Dorf in Oberfranken verschlagen; es war der Geburtsort meiner Mutter und hieß Wartenfels. Das Dorf lag wirklich auf einem Felsen. Das Klima war rau und im Winter bitter kalt. Man hätte wunderbar Wintersport betreiben können, hätte man denn die nötige Ausrüstung gehabt. Und die Sorgen um das tägliche Essen waren auch viel wichtiger. Denn es war Kriegszeit und die meisten Männer waren „im Krieg“. So auch mein Vater, der mit 43 Jahren noch mich als kleine Tochter mit damals 3 Jahren hatte.


Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Mutter mir die wenigen Briefe vorlas, die mein Vater während des Krieges und nach dem Kriege aus der Gefangenschaft in Russland schrieb. Das war jedes Mal so was wie eine Zeremonie, wenn meine Mutter mir freudestrahlend eröffnete: “der Papa hat geschrieben“. Allerdings interessierte mich das alles noch nicht so sehr. Es war eher langweilig, denn ich konnte ja mit “Papa“, „Krieg“ und „Gefangenschaft“ überhaupt nichts anfangen.
Meine Mutter erzählte von „Papa“; Verwandte sprachen von „Adam“ (Vaters Vorname); Fremde sprachen von „Herrn G.“; und meine Mutter erzählte von ihrem „Mann“.

Für mich waren das vier verschiedene Männer, wobei mir „Papa“ am liebsten war, da ich ja immer von ihm Briefe bekam, die meine Mutter mir vorlas. Aber dass diese vier Begriffe irgendwie miteinander zu tun hatten, das Gefühl hatte ich schon. Für den Fall, dass Papa eines Tages aus Russland nach Hause kommen würde, so hatte sich meine Mutter schon ausgemalt, könnte es vielleicht gelingen, Kaffee (im besten Fall wäre es Zichorie gewesen) und Kuchen (natürlich aus Kaffeesatz) zu bekommen und wir „Papa“ damit bewirten würden.

Wobei nach meinem Verständnis

Papa“ (meiner) bei mir und meiner Mutter am Tisch sitzen würde,
„Herr G“, (meiner „Mutters Mann“)
und der “Adam“ (wer auch immer das war)
würden am anderen Tisch sitzen.

Der Grund war, dass ich noch nie meinen Vater bewusst zu Gesicht bekommen hatte und mit den vier unterschiedlichen Begriffen überhaupt nichts anzufangen wusste.

Meine Mutter hatte Mühe, das nötige Essen für uns beide zu besorgen. Sie versuchte bei den Bauern z.B. mitarbeiten zu dürfen, was aber in der Regel rundweg abgelehnt wurde mit der Begründung: halte Dich doch an Deine Brüder.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen:
Wartenfels, das kleine Nest oben auf einem Berg, war früher als „freies Gut“ an einen meiner Vorfahren von einem der Bischöfe von Bamberg verliehen worden. Dieses Gut meines Ur-Ur-Großvaters umfasste eine Mühle, ein Bauern-Gut, einen Krämerladen und Stallungen. Diese Konstellation als „freier Bauer“ war äußerst selten zu jener Zeit. (Früher waren die Bauern ja alle zur „Fron“ verpflichtet und mussten Steuern oder sonstige Abgaben an ihren „Herrn“ entrichten). Es wurden zur Bewirtschaftung des Gutes Knechte und Mägde gebraucht und zusätzlich dazu arbeiteten die „Eingedünger“ (die Ein-Gedungenen) der dort angesiedelten Bewohner von armen Katen und Häuschen als Knechte und Mägde saisonal noch mit.

Im Laufe der Generationen wurde das Gut dann immer wieder unter den Nachfahren aufgeteilt.

Das jüngste Kind war meine Mutter, ein Mädchen. Als sie 14 Jahre alt war verstarb (viel zu früh) ihre verheiratete Schwester. Und so musste sie deren 3 kleine Kinder und den Haushalt versorgen. Ihrem Schwager gehörte die Bäckerei im Dorf und auch da war immer eine Arbeitskraft nötig. So war das für vermeintlich Alle eine günstige Lösung. Nur meine Mutter spielte nicht mit. Als ihr Schwager nach drei Jahren die Absicht hatte, sie auch noch zu heiraten, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und ging „in die Stadt“; als Dienstmädchen bei einer bekannten jüdischen Familie. Für ein Landmädel war das schon ein ganz gewagter Schritt. In Nürnberg heiratete sie meinen Vater. 1921!! erwarb sie den Führerschein als einzige Frau unter lauter Männern. Diese Prüfung drehte sich noch weit mehr um „technische“ Aufgaben als das natürlich heute der Fall ist. Jedenfalls, so erzählte sie öfter, musste sie u. A. auch Reifen wechseln können. Dieser Führerschein war für sie wichtig, denn meine Eltern machten einen Kartoffel- und Gemüse-Großhandel auf und meine Mutter musste immer mit ihrem Auto die Geschäfte beliefern; wobei sie einen Hilfsarbeiter zum Be- und Entladen des Autos dabei hatte.

Samstags holte sie immer die neuen Aufträge der Geschäfte zusammen und kassierte das Geld aus den Lieferungen der vergangenen Woche. Das ging alles sehr gut bis der Krieg kam. Mein Vater musste „einrücken“, die Geschäftsautos wurden für den Krieg „requiriert“ und meine Mutter hatte fortan keine Beschäftigung mehr. Bis ich geboren wurde. Meine Mutter war schon 41 Jahre bei meiner Geburt und mein Vater auch. Und dann kam der Krieg und meine Mutter wurde, wie die meisten übrigen, allein stehenden Mütter mit Kindern, möglichst auf das Land verbracht, um nicht dem Bombenhagel der Feinde ausgesetzt zu sein. Das war in unserem Fall das Glück für uns, denn das Haus, in dem meine Eltern wohnten, war vollständig von Brandbomben zerstört worden und war ausgebrannt. Ein Jahr nach Kriegsende fuhr meine Mutter mit Helfern nach Nürnberg, um sich mal umzusehen, was aus unserer früheren Wohnung geworden war. Nach langem Suchen fanden sie die völlig in Schutt und Asche liegende Straße wieder und gruben auch nach den im Keller gelagerten Haushaltswaren wie z.B. das „gute Geschirr“. In Voraussicht hatten die meisten Leute ihre wertvollen Gegenstände nämlich in Kisten verpackt in den Luftschutzkeller gebracht.
Meine Mutter und ihre Helfer fanden aber nur noch warme Asche vor (nach einem Jahr der Bombardierung!) sowie unerklärlicherweise eine versilberte Kaffekanne mit Milchkännchen und Zuckerdose. Diese drei Gegenstände habe ich immer noch in meinem Wohnzimmer als Andenken in der Vitrine stehen.

Und nun kehre ich wieder zu der Zeit in Wartenfels zurück, wo man meiner Mutter die Bitte um Arbeit auf einem der kleineren Bauernhöfe abschlug. Der Hinweis, sie solle sich doch an ihre Brüder wenden, war nicht ganz frei von kleinen Eifersüchteleien der Dorfbewohner gegen „die“ aus der Stadt.

Der Krämerladen und das Bauerngut gehörten je einem Bruder meiner Mutter. Diese beiden Brüder waren allerdings schon Kriegsveteranen aus dem ersten Weltkrieg von 1918 und konnten aus gesundheitlichen Gründen nur noch für ihren eigenen Unterhalt sorgen. (So sagten sie jedenfalls).Die Tante, der die Mühle gehörte (ja, hier hatte auch eine Tochter geerbt!) hatte ihre eigene Familie zu versorgen. Und so hatten meiner Mutter Geschwister alle einen Grund, warum sie nicht auch noch meine Mutter und mich mit „durchfüttern“ konnten. Das war natürlich eine fatale Situation für meine Mutter und nur die Fürsorge ihrer in einem anderen Dorf verheirateten Schwester ermöglichte es meiner Mutter und mir, über die Runden zu kommen.

Leider war das Leben in einem kleinen Dorf nicht so ganz leicht. Jeder kannte jeden und jeder wusste Alles über Alle. Leute, über die geredet wurde (in oberfränkisch: „ausgetragen wurden“) hatten es ganz schwer. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, welchem psychischen Druck diese Menschen ausgesetzt waren, wenn sie mal nicht der Norm entsprachen. Und es bedurfte gar nicht viel, um von den Anderen ausgegrenzt zu werden. Das fing schon mit der Religion an. In Wartenfels war man katholisch. Punkt. Aus.

Ein ganz gravierendes Beispiel: Als mein Cousin aus dem Zweig der „Hofbauern“ (so war der Hofname des Bauerngutes), bei Waldarbeiten tödlich verunglückte, kam ich zur Beerdigung von Nürnberg nach Wartenfels. Es war ungefähr 30 Jahre nach Kriegsende; also so um 1975 herum. Da kam eine etwas ältere Frau (ca. 60 Jahre alt) nach der Beerdigung auf mich zu und stellte sich vor: „ich bin die H.; aber Du wirst mich nicht kennen. Ich bin die Schwester von Hans“. Natürlich verneinte ich, denn ich war schon vor 30 Jahren weggezogen und deshalb dachte ich, na „die“ hast Du halt vergessen. Auf Nachfrage bei meiner Mutter erhielt ich die Antwort: „ach die, ja das war die Schwester von Hans“ (des verstorbenen Cousin). „Ja aber“, fragte ich, „von ihr habe ich noch nie gehört. Hans hat doch immer nur 3 Schwestern gehabt und plötzlich wären es 4 Schwestern gewesen?“ „Ja“, sagte meine Mutter „die hat in ihrer Jugend einen „evangelischen“ gehabt und deshalb hat sie der Vater vom Hof verwiesen. Sie musste das Dorf verlassen und zog dann zu Ihrem Bräutigam und späteren Mann. Von diesem Zeitpunkt an wurde von niemandem mehr darüber gesprochen. Sie wurde im wahrsten Sinne des Wortes „tot geschwiegen“.

Doch nun zurück zu der Zeit, als ich noch sehr klein war.

Eines Tages geschah etwas ganz Unerwartetes: wie eine Karawane kamen LKWs und Jeeps den Berg herauf gekrochen und das ganze Dörfchen war „aus dem Häuschen“. Der Bürgermeister hisste schnellstens die weiße Fahne! Das war wichtig, um den „Ami’s“ anzuzeigen, dass sie keinen Widerstand zu befürchten hätten. Und damit war für uns der Krieg „aus“. Nicht jedoch die Probleme. Denn die Amis besetzten flugs das Haus meines Onkels mit dem Krämerladen. Es stand mitten im Ort direkt gegenüber der Kirche.

Und nun kam das Spannendste für mich. Meine Mutter nahm mich mit zu meines Onkels Haus (warum weiß ich gar nicht). Dort saß auf einem Stuhl direkt auf dem Podest vor dem Haus ein schwarzhäutiger G I und schälte sich eine Orange. Allein der Geruch dieser mir unbekannten Frucht machte mich natürlich neugierig und ich schielte immer zu ihm hin. Und außerdem hatte ich so einen „schwarzen Mann“ auch noch nie gesehen. Furcht und Neugierde stritten sich in mir. Die Neugierde siegte und ich wagte mich etwas näher. Da stand der Soldat auf, hob mich hoch, setzte mich auf seine Knie und bot mir die geschälte Orange an.

Das war der Schock für mich! Stress pur! Und ich getraute mich nicht mehr zu bewegen geschweige denn ihn anzuschauen. Ob er etwas sagte? Ich weiß es nicht mehr und ich hätte ihn ja sowieso nicht verstanden. So stellte er mich, erstarrt wie ich war, wieder auf den Boden und ich rannte so schnell ich konnte davon.

Ja, heute denke ich mir, dieser Soldat hatte vielleicht auch Kinder oder er war halt sonst ein freundlicher Mensch. Jedenfalls bewirkte das, dass ich immer eine positive Einstellung den „Amerikanern“ gegenüber hatte.

Nun gut, das Leben mit den Amerikanern pendelte sich meines Wissens nach (was aber nichts heißen muss) ohne nennenswerte Vorkommnisse ein und eines Tages verschwanden sie auch wieder.

Die Leute unterhielten sich manchmal mit meiner Mutter über eine evtl. Rückkehr meines Papas. Natürlich war das immer eines der Gesprächsthemen, und für meine Mutter drehte sich alles nur noch darum. Ab und an erhielten wir (wie anfangs beschrieben) Post aus der Gefangenschaft und so lange dies geschah, hatte meine Mutter Hoffnung auf eine Wiederkunft meines Vaters.

So passierte es denn, dass ich von einem großen Tumult vor unserem Haus aufwachte und das Bett meiner Mutter leer vorfand. Im Nachthemd lief ich furchtsam vor die Türe und wurde sofort von einem Mann in die Höhe gehoben und gedrückt und geherzt und angelacht.

Das war mein Papa!

Meine Mutter lachte und weinte zusammen in Einem fort und ich dachte mir, was die bloß alle haben. Die Dorfbewohner schnatterten alle zusammen und ich verstand kein Wort.
Nur: die altbekannten Namen für meinen Papa hörte ich immer mal wieder:
„Jöisich“ (das h. auf „oberfränkisch“: Jesus Maria und Josef) der Anna ihr „Mann“; der „Herr G.“; oder der „Adam“ ist wieder da. „Jöisich-na“ was für ein Glück!.

In Erinnerung blieb mir auch, dass die unvermeidliche Frage meines Vaters kam, ‚ob ich auch immer brav gewesen sei‘, worauf meine Mutter meinte; „na ja manchmal braucht sie schon mal Eine (Ohrfeige)“, worauf mein Vater antwortete, das mit der Ohrfeige würde in Zukunft nicht nötig sein.
Wer kann es mir da verdenken, dass meinem Vater für alle Zukunft mein Herz gehörte.

Im Nachhinein betrachtet denke ich mir, er hat während der langen Kriegsgefangenschaft so viel körperliche Gewalt erlebt, dass er keinerlei Form von Gewalt mehr ertragen konnte. Er war bis 1949 in russischer Gefangenschaft und das muss ein Mensch erst mal wegstecken. Ich lernte ihn als sehr ernsten aber auch sehr einfühlsamen und verständnisvollen Vater kennen und Schläge (zu dieser Zeit war das noch ein Erziehungsmittel) bekam ich von ihm nie.

Inzwischen war ich schon 6 Jahre alt und ich wurde eingeschult. Das muss offensichtlich kein besonders herausragendes Ereignis gewesen sein, denn ich kann mich an nichts erinnern. Keine Schultüte, keine Süßigkeiten, nichts. Es gab ja auch nichts. Und so ging ich halt in die Schule.

Das Klassenzimmer war ein Raum mit 4 2-sitzer Bänken, aufgestellt in zwei Reihen. Ich saß vorne in der ersten Bank, die direkt an eine Wand gerückt war, sodass das neben mir sitzende Kind erst aufstehen musste, wenn ich raus musste oder wollte.

Hinter uns saßen schon die ein Jahr älteren Kinder und so fort, sodass sich in diesem Raum sage und schreibe 5 unterschiedliche Jahrgänge befanden; alle unterrichtet von einem Lehrer. Für heutige Verhältnisse undenkbar. Irgendwie muss der Lehrer ein Tausendsassa gewesen sein.

hier ging ich nun ein halbes Jahr zur Schule. Dann kam mein Vater und holte uns nach Nürnberg.

Nun erlebte ich alles schon bewusster. Dass ich in die „Stadt“ zurückkehrte, aus der ich als Baby kam, schuf mir den unverdienten Nimbus des „Besonderen“. Ich konnte mir sehr viel mehr erlauben als Andere. Das merkte ich natürlich schnell und ich nütze es auch bei jeder Gelegenheit aus. Ich durfte von meiner Nachbarin wenn nötig abschreiben und viele suchten meine Nähe, um mit mir zu spielen. Die Größeren drängten sich, auf mich aufzupassen, was vorher nur durch gutes Zureden meiner Mutter und durch kleine Bestechungen möglich war. Dazu muss ich sagen, dass ich als Kleinkind lange Zeit schwer krank war. Lungenentzündung und Rippenfellentzündung brachten mich dem Tod näher als dem Leben und machten zwei Operationen in der Kinderklinik in Erlangen nötig.

Um nach Erlangen zu kommen packte mich meine Mutter immer warm ein, setzte mich noch bei Dunkelheit am Morgen auf einen Schlitten und zog mit mir zur nächsten Bahnstation. Dort stieg sie mit mir in den Zug, (wenn er denn kam). Die Eisenbahnen waren ja auch Angriffsziele von feindlichen Fliegern und so war die Fahrt jedes Mal mit der Hoffnung verbunden, auch heil anzukommen; wenn denn eben überhaupt ein Zug kam. Jedenfalls wurde ich wegen der Beharrlichkeit meiner Mutter behandelt, was gar nicht selbst­ver­ständ­lich war. Auch Ärzte waren ja „im Krieg“ und in den Krankenhäusern gab es nur eine Not­besetzung. Aber ein paar Naturalien, die meine Mutter wohlweislich dabei hatte, waren einfach Argumente, die zählten. Nach der ersten Operation holte mich meine Mutter nach 14 Tagen wieder nach Hause.

Dort wurde ich aber nicht gesund. Es gab verschiedene Gründe dafür. Hauptsächlich waren das raue Klima und die ärztliche Unterversorgung im Dorf verantwortlich. Jedenfalls ging die ganze Prozedur von vorne los; die Reise nach Erlangen und die damit verbundenen Gefahren, die Operation, die Ängste, die kleinen Bestechungsgeschenke usw. Davon bekam ich aufgrund meines Alters wenig mit. Die zweite Operation fand an meinem zweiten Geburtstag statt. Als ich dann wieder nach Hause ins Dorf kam, gab es immer irgendwelche ältere Kinder, die auf mich aufpassen mussten (wenn meine Mutter einmal irgendwo hin musste). Zum Schulanfang stellte mich meine Mutter unter den Schutz von Arnold. Arnold, ein Junge mit dem ich noch nach vielen Jahren Kontakt hatte.

Und dann kam der Tag, an dem uns mein Vater nach Nürnberg holte.
Am dem Morgen, als ich zu meinem Vater ins Führerhaus des LKW kletterte, bekam ich von ihm eine Tüte Bonbon!! Ich fühlte mich wie eine Prinzessin und als das halbe Dorf zum Abschied winkte, hielt ich meinen Schatz hoch. Ich und meine Tüte, welch unvergessener Tag! Diese Bonbons; ich aß keinen einzigen davon und verschenkte aber auch keinen; ich hob sie lange Zeit auf.

Wir fuhren also los über Bamberg Richtung Nürnberg. Da gab es noch nicht viele Autobahnen und wir mussten noch durch jedes Dörfchen fahren. Immer bekamen wir das „Aufgeschau“, denn LKWs bzw. PKWs waren damals bestenfalls Armeefahrzeuge und eine Seltenheit. Und ich thronte zwischen meinen Eltern und schaute zu den Dorfkindern herunter; ach war das aufregend!

Der LKW war ein Holzgaser. Das gibt es heute natürlich nicht mehr. Statt Benzin war Gas der Antrieb. man musste einen Ofen mit Holzscheiten schüren, die in einem Kasten mitgeführt wurden. Der LKW hatte auch nicht die heute bekannte Geschwindigkeit. Mein Vater z.B. stieg ab und zu mal aus und legte nebenher rennend neues Holz nach, alles während das Auto weiter fuhr. Meine Mutter lenkte derweil, bis mein Vater wieder einstieg.
Bevor wir in Nürnberg ankamen, wurde ich von meinen Eltern eindringlichst ermahnt, zu Fräulein Wolf brav „Grüß Gott“ zu sagen und einen Knicks zu machen. Das baute ich dann insoweit aus, als ich an dem Tag unseres Einzugs jedes Mal, wenn ich ein Teil von unserem Hab und Gut vom Auto in unser Zimmer trug und an Frl. Wolf vorbeikam, laut und deutlich „Grüß Gott Fräulein Wolf“ sagte. Bis es ihr zu viel wurde und sie mir sagte, dass es jetzt genug sei. Das Wort „Fräulein“ war damals noch für alle unverheirateten Damen gleich welchen Alters gebräuchlich und das „Fräulein Wolf“ war eigentlich schon eine alte Frau.

Frl. Wolf war die Hauptmieterin der 3-Zimmerwohnung. Neben den 3 Zimmern gab es noch eine kleine Küche und ein Klo. Wir durften in ein Zimmer ziehen. Das andere Zimmer war an einem anderen Herrn vermietet und ein Zimmer war Frl. Wolf vorbehalten. Zu ihr gehörte auch die Küche.

Das Klo benutzten alle 3 Parteien. So wohnten, schliefen, kochten und wuschen wir also zu dritt in einem Zimmer und waren glücklich, überhaupt in Nürnberg wohnen zu dürfen. Und deshalb auch die Ermahnung meiner Eltern, immer höflich zu Frl. Wolf zu sein. Frl. Wolf hatte andererseits aber auch keine andere Möglichkeit, als ihre Wohnung zu vermieten, denn damals ordnete das Wohnungsamt ab einer bestimmten Quadratmetergröße Zwangsvermietungen an.

Nach Nürnberg zu ziehen war gar nicht so leicht für uns. Denn wer hier ein Zimmer bekam, musste eine feste Arbeitsstelle nachweisen können. Aber eine feste Anstellung bekam nur, wer einen Wohnsitz in Nürnberg nachweisen konnte. Da biss sich also die Katze in den Schwanz.

Das Ganze umging mein Vater, indem ihn die Familie seiner Schwester in deren Wohnung (ebenfalls nur beschränkter Wohnraum) mit aufnahm. Ja, man musste schon zusammenrücken damals.

Jedenfalls hatte mein Vater jetzt einen festen Wohnsitz und er konnte sich einen Arbeitsplatz suchen. Den fand er auch als Kraftwagenführer bei den Ardie-Werken in Nürnberg.
Als kleines Dankeschön an seinen Schwager für die Hilfe mit der Wohnung vermittelte er ihm (nach einem Jahr) eine Stelle in eben derselben Firma.
Der Schwager meines Vaters, also mein Onkel, bekam nämlich nach dem Krieg keine „normale“ Arbeit. Nein, er wurde „entnazifiziert“, das heißt, er durfte ein Jahr lang nicht in seinem Beruf als Friseurmeister arbeiten, sondern wurde zum Straßenkehren eingeteilt. Entweder hatte er der Partei angehört oder ist sonst irgendwie oder –wem aufgefallen; ich weiß es nicht. Jedenfalls wurde er nach einem Massenverfahren zum Berufsverbot für ein Jahr verdonnert.

Gesprochen wurde über die Gründe nie. Das war halt so, und bei den meisten Anderen war es nicht anders, und keiner redete über das warum, wieso und weshalb und als Kind hatte ich den Eindruck, dass das halt die Normalität so sei. Im Übrigen wurde auch während meiner ganzen Schulzeit nicht über den letzten Krieg geredet. Der Geschichtsunterricht endete für uns so ungefähr mit dem 1. Weltkrieg. Dass der vergangene Krieg der 2. Weltkrieg war; welche Gründe dafür verantwortlich waren; dass Juden Verfolgte waren; -davon erfuhren wir nichts. Ich hätte nicht mal sagen können, worin sich „die Juden“ von uns unterscheiden würden geschweige denn besondere Merkmale gekannt.

Auch meine Eltern haben mit mir niemals über das ‚Problem’ „Juden“ gesprochen. Sodass mir niemals bewusst war, dass es überhaupt ein Problem gab.

Auch dass es nicht die Normalität war, dass ständig Jeeps mit Amerikanern durch die Straßen fuhren; von all dem hatte ich keine Ahnung. Ich wurde in die Volksschule eingeschult, zu der ich ungefähr 15 bis 20 Minuten zu laufen hatte. Diese Schule war in der Nähe der „SS-Kaserne“ (so im Volksmund) und später „Südkaserne“ genannt. Natürlich begegnete man da öfter mal Soldaten. Sowohl Schwarze als auch Weiße.

Gleich um’s Eck wohnte auch ein Mädchen meines Alters, die Gisi. Sie ging mit mir zur Schule und wir wurden Freundinnen. Das Haus, in dem Gisi wohnte, war von Bomben fast verschont geblieben, aber nur fast! Denn von dem einen Zimmer in ihrer Wohnung fehlte die Außenmauer. Gisi wohnte mit ihren Eltern im 3. Stock und wenn man hinunterschaute, gruselte es einem immer so schön. So empfanden wir Kinder es eben. Natürlich war die Zimmertüre immer versperrt. Aber ab und zu ließ uns auf unsere Bitten hin der Gisi ihr Papa wieder einen Blick runter werfen. Herrlich!

Unser Spielplatz war die Straße. Autos fuhren damals fast keine. Und die schönsten Spiele konnte man in Ruinen spielen. Dann wohnte in dem Nachbarhaus noch ein Mädchen, das war die Uschi. Die hatte immer Sachen, die so herrlich amerikanisch aussahen. Sie war ein Jahr jünger als wir.
Ihre Mutter wohnte im 3. Stock als Untermieterin bei einer alten Dame und sie bewohnte ein Hinterzimmer der Wohnung. Man musste also immer erst durch das Zimmer der alten Dame, um zu ihr zu kommen. Aber wir durften nur selten zu ihr, da ihre Mutter sehr oft „Besuch“ von Soldaten hatte. Ob Schwarz, ob Weiß, das war gleich. Und es waren alle ihre Onkel, so sagte sie.
Aber wir taten nichts lieber, als zu Uschi ins Zimmer zu gehen. Denn sie hatte Spielsachen, von denen wir nur träumen konnten. Und alle Sachen waren eben „amerikanisch“. Das war damals das Höchste. Es gab nichts Schöneres. Ab und zu kam sie und berichtete unter Tränen „mein Onkel haut meine Mama“; aber wir konnten uns darunter nichts vorstellen. Gewalt kannte ich damals nicht. Und das mit den Onkeln war uns allemal suspekt. Das waren nun Erlebnisse, mit denen ich in meinem kleinen Wartenfels niemals in Berührung gekommen wäre.

Mein Vater war wie gesagt als Kraftwagenfahrer weiter tätig und ich durfte manchmal mit ihm mitfahren. Das Weiteste war Bielefeld.
Meine Mutter machte sich selbstständig und eröffnete wieder eine Kartoffel- und Gemüse-Großhandlung. Sie hatte wieder einen Mann zum Be- und Entladen des Autos dabei und fuhr das Auto selbst. Es war ein „Tempo“, ein Dreirad. Es hatte hinten eine große Ladefläche und zwei Räder, vorne war der Motor mit Fahrerraum und nur einem Rad. Nach ein paar Jahren musste meine Mutter ihr Geschäft aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Auch mein Vater war von der langen Gefangenschaft gezeichnet und wurde leider nicht sehr alt.

Das war meine Kindheit.

Heute weiß ich, dass meine Generation von großem Glück sagen kann. Denn vom Krieg selbst bekamen wir nicht viel mit, dazu waren wir noch zu klein. Und später ging es wirtschaftlich gesehen stets bergauf. Welche Generationen vor uns durften schon ein Leben lang im Frieden leben?

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