Meine Erinnerungen an die Zeit ab 1939

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Autor: Hans Martin


Einleitung

Auch ich gehöre zu den Kriegskindern. Ich bin 1931 geboren und habe diese schreckliche Zeit schon sehr bewusst miterlebt.

Bereits am ersten Tag des Kriegsausbruches am 1. September 1939 wurde mein Vater zum Militär eingezogen. Er musste sich zunächst in der Kaserne in Fürth melden, wo ich ihn wöchentlich noch besuchen konnte. Ich habe damals mit meinen acht Jahren noch nicht begriffen, was es bedeutet, Soldat zu sein. Ich war aber stolz, meinen Vater in der schönen Offiziersuniform zu sehen.
Aber bald wurde er verlegt, und wir wussten nicht wohin. Es war meinem Vater verboten, der Familie zu schreiben, wo sich seine Einheit befand.

Eines Tages kam die erste Post aus Polen, meine Mutter, ich und meine Schwester haben erst dann begriffen, wie ernst die Lage war.

Aus den Wochenschauen konnte man das entsetzliche Leid der Menschen und Soldaten sehen. Der Schulunterricht wurde eingeschränkt, da viele Lehrkräfte zum Wehrdienst eingezogen wurden. Im Jahr 1943 kam ich als Pimpf zur Hitlerjugend. Wir trugen alle schwarze Hosen mit braunem Hemd und Schulterriemen. Wir mussten wöchentlich am Bahnhofsplatz in Fürth antreten. Uns wurde damals bereits gelehrt, mit Landkarten und Kompass umzugehen. Auch kleine Schießübungen wurden durchgeführt.
Es war für uns Jugendliche Erlebnis und Spiel zugleich. Den wahren Hintergrund der Übungen haben wir erst später erkannt.

Mein Vater wurde in der Zwischenzeit nach Frankreich verlegt, und wir haben uns leider in der Zeit von 1939 bis 1943 nur einige Male kurz gesehen.

Fliegeralarm und die Angst

Fast täglich gab es Fliegeralarm, und wir wurden bereits bei dem sogenannten Voralarm von der Schule nach Hause geschickt. Auch die nächtlichen grauenhaften Sirenenklänge verbreiteten immer wieder Angst und Schrecken. Die Flak hatte manchmal schon Sperrfeuer geschossen, da waren wir noch im Treppenhaus auf der Flucht in den Luftschutzkeller unterwegs. Das Treppenhaus war verdunkelt und es brannten nur kleine dunkelblaue Lampen.

Wir haben auch nachts häufig in den Kleidern geschlafen, besonders dann, wenn im Rundfunk gemeldet wurde, dass starke Bomberverbände im Anflug nach Süddeutschland waren. Einen gezielten Angriff auf die Stadt Fürth gab es nie. Wenn bei einem Angriff auf Nürnberg ein Bomber angeschossen wurde, hat dieser vorsichtshalber seine Bomben beliebig abgeworfen. Durch einen solchen Bombenabwurf wurde das Rückgebäude unseres Nachbarhauses durch einen Volltreffer vollkommen zerstört. Die Explosion und der Luftdruck waren schrecklich. Die Bewohner befanden sich im Vorderhaus in dem abgestützten Luftschutzkeller und konnten durch den vorhandenen Mauerdurchbruch, den es in jedem Haus gab, zu uns fliehen. Durch die Öffnung des Fluchtweges gab es eine riesige Staubwolke, der Strom fiel aus, die Menschen schrieen, und wir alle bangten um unser Leben. Es war eine unvergessliche Situation, die dazu geführt hat, darüber nachzudenken, ob wir unser Haus verlassen sollten, da es sehr in Mitleidenschaft gezogen war. Fenster, Türen und ein Teil der Einrichtung wurden bei diesem Abwurf zerstört.

Die Flugzeugkanzel des abgeschossenen Bombers fanden wir am nächsten Tag im 300 Meter entfernten Stadtpark, die toten Piloten waren ein grausamer Anblick.

Die Flucht aus Fürth zu den Großeltern nach Streitberg

Meine Großeltern mütterlicherseits haben uns gedrängt, die Stadt zu verlassen, da die Gefahr, dass uns etwas passieren könnte, täglich zunahm. Wir haben uns dann doch entschlossen, zu den Großeltern väterlicherseits nach Streitberg in die Fränkische Schweiz zu gehen. Wir haben die Koffer gepackt und sind bei Nacht und Nebel geflohen. Es war zu dieser Zeit, 1944, am sichersten, eine Zugverbindung nachts nach Forchheim und dann weiter nach Streitberg zu nehmen. Wir hatten Glück und waren um Mitternacht am Bahnhof in Streitberg. Ich holte dann bei den Großeltern einen Leiterwagen, um die Koffer vom Bahnhof zu unserem neuen Zuhause zu bringen. Die Front kam hörbar immer näher.

Die Angst vor Fliegerangriffen war zunächst gebannt. Seit Monaten verbrachten wir wieder eine Nacht ohne Fliegeralarm. Auch die Lebensmittelversorgung hatte sich schlagartig gebessert, bei den Großeltern auf dem Land war die Versorgung noch längst nicht so dramatisch wie in den deutschen Städten. Anfang 1945 kam die Front immer näher, der Kanonendonner war immer lauter geworden.

Über den Rundfunk „BBC London“ waren wir unterrichtet, dass die Front schon im Raum Bamberg war. Es gab zwar keinen Fliegeralarm mehr, aber die Tiefflieger waren täglich im Wiesenttal zu sehen und zu hören.

Ich ging damals noch einige Male zum Konfirmandenunterricht und zum Schneider, der mir einen Konfirmandenanzug aus einer Luftwaffenuniform meines Vaters angefertigt hatte. Auf diesem Weg dorthin, vom Ortsende über den Höhenweg zur Muschelquelle nach Streitberg, konnte ich die Piloten in den Tieffliegern sitzen sehen. Es war für mich sensationell, den Fliegern zuzusehen, obwohl es unsere Feinde bzw. die Befreier vom Nationalsozialismus waren.

Am Tag der Konfirmation konnte man den Pfarrer nicht immer verstehen, der Lärm der Tiefflieger und der Kanonendonner waren schon sehr laut und nicht weit entfernt. Aber wir haben diesen Tag gut überstanden. Wir wollten alle nur das eine, den Krieg überleben. Es gab aber immer noch die Gefahr, dass wir in die vorderste Linie geraten könnten, wenn wir noch von der Wehrmacht abgefangen würden und als Hitlerjungen zur Verteidigung eingesetzt werden sollten. Es gab außerdem die Verteidigungsgruppe der Waffen-SS, „Der Werwolf“, diese Leute bauten noch sinnlose Panzersperren, und auch da sollten wir mithelfen, was ein Grund mehr für uns war, uns zu verstecken.

Wir haben uns also selten auf der Straße sehen lassen. Wir hofften, dass der Krieg bald ohne größere Probleme für uns zu Ende ging.

Der Kriegslärm hatte seit Tagen nachgelassen, es war beängstigende Ruhe. Man hatte gehört, dass die Wehrmacht abgezogen war und deshalb keine größeren Kampfhandlungen mehr stattfanden. Jetzt begann die große Spekulation, wer zuerst einmarschiere: die Russen oder die Amerikaner.

Das Ende des Krieges stand bevor

Eines Nachts war eine Explosion zu hören. Ein Eisenbahnwaggon wurde auf der Brücke in unmittelbarer Nähe gesprengt und geriet in Brand. Als ich am Morgen aus dem Fenster sah, stand am Waldrand, ca. 300 Meter entfernt, ein Panzer und hatte seine Kanone auf unser Haus gerichtet. Wahrscheinlich vermuteten die Kampftruppen, dass sich da eventuell versprengte Soldaten der deutschen Wehrmacht verschanzt hätten. Die Angst war riesengroß, dass der Panzer doch noch das Feuer eröffnete. Ich habe dann sofort ein weißes Betttuch aus dem Fenster gehängt, und der Panzer fuhr zurück in den Wald.

Mein Großvater und ich standen im Garten, plötzlich kam ein Fahrzeug mit einem auf uns gerichtetes Maschinengewehr angefahren. Wir standen da mit erhobenen Händen und der Fahrer hat in deutscher Sprache gefragt, ob sich im Haus Soldaten aufhielten. Der Fahrer hat uns aufgefordert, in das Haus zu gehen, da in absehbarer Zeit die Kampftruppen vorbeifahren würden. Nachdem die ersten Fahrzeuge mit schwarzen Soldaten vorbeifuhren, haben wir aufgeatmet, da wir erkennen konnten, dass es sich um schwarze amerikanische Soldaten handelte.

Der Weg nach Sibirien blieb uns also erspart .Wir haben uns dann auch nicht mehr gefürchtet, der Krieg war für uns zu Ende, alles andere war zweitrangig. Es kamen dann die ersten Flüchtlinge, täglich wurden es mehr, und in diesem Flüchtlingsstrom hat dann ein Mann gewunken; es war mein Onkel, der als Erster aus dem Krieg zurückkam. Er hatte sich als Flüchtling verkleidet und geriet deshalb nicht als Soldat in Gefangenschaft. Auf meinen Vater mussten wir noch fast noch zwei Jahre warten. Er war erst in Italien und dann in Bad Kreuznach in Gefangenschaft.

Rückkehr nach dem Krieg nach Fürth und meine Lehrzeit

Etwa im Juni 1945 mussten wir versuchen, wieder nach Fürth zurückzukehren. Wir hatten erfahren, dass alle leer stehenden Wohnungen mit Flüchtlingen belegt werden sollten.

Meine Großeltern in Fürth hatten den Krieg überlebt, und wir wollten jetzt möglichst schnell zu ihnen zurückkehren. Meine Schwester und ich haben uns dann zwei alte Fahrräder besorgt und sind schnellstens nach Fürth aufgebrochen. Der Weg nach Forchheim war schon schwierig, da hier viele Flüchtlinge mit Pferdefuhrwerken oder zu Fuß unterwegs waren sowie zahlreiche Armeefahrzeuge.

Ab Forchheim fuhren wir dann am Kanal entlang nach Fürth, wo wir noch vor der Ausgangssperre um 20.00 Uhr ankamen. Die Freude war groß, und wir fanden eine bewohnbare Wohnung vor. Mein Großvater hatte im Haus eine kleine Schreinerei und konnte aus den vorhandenen Materialien das Beste aus der verwüsteten Wohnung machen.

Einige Tage später kam dann meine Mutter zu Fuß nach einem Zweitagesmarsch nach. Das Leben hat sich dann einigermaßen normalisiert, aber die Grundversorgung war noch sehr schlecht. Das hat sich später aber schnell geändert.

Meine erste Lehrstelle

Ich hatte ganz schnell eine Lehrstelle als Elektroinstallateur gefunden. Schon am nächsten Morgen um 6.30 Uhr hab ich angefangen und mir wurde mein Ausbilder zugewiesen und dann mussten wir gleich in das amerikanische Lazarett in die Tannenstraße. Mein Meister hat aber dafür gesorgt, dass wir zuerst ein Frühstück bekamen.

Ich habe geglaubt, ich bin im Schlaraffenland. Mein erster Gedanke war, was und wie viel davon kann ich mit nach Hause nehmen. Meine Schwester und meine Mutter würden sich sicher freuen. Ich konnte alle meine Essensreste vom Frühstück bis zum Abendessen einpacken. Es war zu Hause ein wahres Volksfest.

Wir waren damals im Ausbildungsbetrieb zwölf Lehrlinge und zuständig für Reparaturen für Elektro, Gas und Wasser. Der Meister hat das so organisiert, dass alle Lehrlinge zur Essenszeit in amerikanischen Einrichtungen waren. Er war ein perfekter Organisator und Mensch. Wir alle, also Gesellen und Lehrlinge, waren auch zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit zu arbeiten, denn Stromausfälle gab es immer.

Wir hatten außerdem alle von den Amerikanern besetzten Villen, die von den Offizieren am Stadtrand bewohnt wurden, zu betreuen. Für ganze Wohngebiete wurden Generatoren mit 110 Volt aufgestellt. Bei uns gab es nur 220 Volt Gleichstrom, der dann nacheinander auf Wechselstrom umgestellt wurde. Die mitgebrachten Elektrogeräte der Amerikaner waren ja alle nur für 110 Volt bestimmt. Da mussten viele Leitungen vom Generator in die Häuser gelegt werden.

Der Schwarzmarkt

Bei jeder Arbeit gab es fast immer Zigaretten, und da ich selbst nicht rauchte, hatte ich genügend Zigaretten, um diese auf dem Schwarzmarkt einzutauschen gegen Butter, Schokolade, Fleisch und so weiter. Also war die größte Not gebannt, und es ging uns täglich immer besser.

1946: der Anfang vom Rundfunk

Grundig-Radio „Heinzelmann“

Damals gab es nur alte Detektorempfänger oder Radiovorkriegsmodelle mit Akku und Anodenbatterie.

Die Produktion von Rundfunkgeräten war noch nicht erlaubt, aber Max Grundig hat dann den Baukasten „Heinzelmann Radio“ im Oktober 1946 zum Eigenbau entwickelt und als Spielzeugbaukasten verkauft. Für so einen Baukasten benötigte man auch noch einen Bezugsschein, den man sich am besten auf dem Schwarzmarkt besorgte. Diese ersten Bausätze habe ich dann mit meinem Meister zusammengebaut.

Auch alle dazugehörigen Langdrahtantennen auf den Dächern für Lang- und Mittelwelle in meiner Umgebung waren mein Eigenbau. Wie man so etwas baut, habe ich damals in der Berufsschule gelernt.

Von diesem Tag an war ich vom Strom wie elektrisiert. Die Faszination der Elektronik hat mich nicht mehr losgelassen, sodass ich, nachdem ich meinen Lehrberuf abgeschlossen und in eine andere Branche wechselte, doch immer wieder mit der Elektronik zu tun haben konnte.

Die neue Währung: DM

Der Schwarzmarkt hat sich trotz der Kontrollen ständig vergrößert, bis dann 1948 über Nacht die DM eingeführt wurde. Die Geschäfte waren am nächsten Tag voll, wo diese Waren herkamen, war uns allen ein Rätsel. Leider konnten wir mit dem wenigen Kopfgeld nicht viel kaufen.

Meinen Traum von einem eigenen Fahrrad habe ich mir jedoch schnell erfüllt. Ich bekam das Fahrrad schon für eine Anzahlung von 5.- DM und wöchentlicher Abzahlung in gleicher Höhe. Das ging damals ohne jeden Vertrag. Mein Meister hat das alles organisiert und für den Restbetrag gebürgt. Von diesem Tag an war ich alleine auf Montage und bekannt für die schnelle Beseitigung von Störungen. Auch privat war es für mich das „Größte“, ein Fahrrad sogar mit 3-Gang-Schaltung zu besitzen.

Hobby – 30 Jahre Funkamateur von 1960 bis 1990

Mit diesem technischen Virus war ich infiziert.

Durch Zufall hatte ich einen jungen Mann kennengelernt, der in einem VW eine Kurzwellenfunkstation betrieb. Dadurch kam ich zum „DARC“ (Deutscher Amateur Radio Club). Dieser Club hatte damals schon 200 Mitglieder in Nürnberg.

In Zusammenarbeit mit der Post gab es Lehrgänge darüber, wie man Sender und Empfänger baut und gleichzeitig Störungen im Rundfunk und TV vermeidet. Um eine sogenannte Lizenz der „B-Klasse“ (für eine größere Sendeleitung) zu bekommen, musste man Telegrafie mit Tempo 80 Zeichen pro Minute hören und geben nachweisen, erst dann erhielt man die Lizenz! Dies hat mit den lizenzfreien CB-Funk nichts zu tun.

1961 habe ich dann meine Prüfung bei der Post abgelegt und bekam das Rufzeichen DL2WZ.

Jetzt stand einer von mir immer gewünschten mobilen Funkstation nichts mehr im Wege. Ich habe an vielen mobilen Funkwettbeweben in Österreich, der Schweiz und Deutschland teilgenommen, teilweise sehr erfolgreich. Mehr dazu im Internet.

Das war aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Es gab auch noch den Satellitenfunk über den Satelliten Oscar 13, gestartet am 15. Juni 1988, verglüht im Dezember 1996. In diesem Satelliten wurde ein von Amateuren gebauter Sender und Empfänger für Funkamateure mit in die Umlaufbahn benommen. Um über diesen Satelliten den Funkverkehr abwickeln zu können, musste ich auch lernen, wie man mit einem PC umgehen muss.

Der PC musste die Satelliten-Antennensteuerung durchführen. Ich hatte damals einen Commodore 128D und die entsprechenden Satellitenprogramme. Der Funkverkehr wurde mit kleiner Leistung, etwa zehn Watt weltweit, jeweils nach dem Standort des Satelliten ausgeführt. Da ich keine Fremdsprachen beherrsche, wickelte ich alles in Telegrafie ab. Hier gab es ein sogenanntes Q-Gruppen-System, das international bekannt und verstanden wurde.

Hierzu musste ich auf meinem Haus einen Mast mit einer drehbaren und vom Computer gesteuerten horizontalen und vertikalen Antenne aufbauen, die der Flugbahn des Satelliten folgen musste. Diese Gebilde auf dem Dach musste auch noch verspannt werden, damit sie auch bei großer Windstärke nicht herunterfiel. Von meinem Dach war danach nicht mehr viel zu sehen.

Zukunftsperspektiven

Als ehemaliger Hitlerjunge, der den Krieg überlebt hat, schaue ich heute nur vorwärts und bin ehrenamtlich einmal in der Woche tätig, was mir auch sehr viel Spaß bereitet. Außerdem spiele ich schon seit 1940 Klavier, und nach dem Krieg hab ich mich dann auch mit dem Keyboard beschäftigt. Als ich 1990 in Rente ging, habe ich noch fünf Jahre eine Musikschule besucht, um eine bessere Spieltechnik zu erreichen.

Mit diesem kleinen Ausschnitt aus meinem Leben will ich meinen historischen Beitrag zum Projekt der EU schließen.

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