Die Sandgruben

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Autor: Johannes Malchàrek

Der Harz ist ein sehr altes Gebirge in Mitteldeutschland von ungefähr 100 Kilometern Länge und 35 Kilometern Breite. Es entstand etwa vor 250 bis 350 Millionen Jahren durch tektonische Verwerfungen bis zu einer Höhe von 4.000 Metern. Das Gestein ist ein Konglomerat von Granit, Tonschiefer, Kalkstein, Dolomit, Sandstein, Kreide und Gips. Durch starke, über Jahrmillionen dauernde Erosion wurde das Gebirge abgeflacht, die Gebirgs­kuppen wurden abgerundet und das abgetragene Gestein fein­körnig in das Harzvorland geschwemmt. So entstand im Norden des Harzes die fruchtbare „Magdeburger Börde“ und im Süden die „Golden Aue“. Dieses Vorland des Südharzes ist ein leicht hügeliges Gelände, bestehend aus Ton, Kies, Gips und Sand.

Hier am Südharz bin ich aufgewachsen. Mein Elternhaus stand in einer Kleinstadt von 5.000 Einwohnern als letztes Haus am Ortsrand. Jeden Wochentag fuhr mehrmals ein Traktor mit Anhänger an unserm Haus vorbei. Der Fahrer dieses Gefährts war ein miserabler Fahrzeuglenker. In Schlangenlinien fuhr er immer die Landstraße entlang. Daher nannten wir Kinder ihn, da wir ihn persönlich nicht kannten, „Onkel Unsicher“.

Ich war etwa 10 oder 12 Jahre alt, neugierig und wissbegierig. So blieb es nicht aus, dass ich irgendwann mit „Onkel Unsicher“ Bekanntschaft schloss. Eines Tages durfte ich auf dem Traktor mitfahren. Die Fahrt ging auf der Landstraße, leicht ansteigend, etwa 600 Meter weit. Dort stand am Straßenrand eine Verladerampe. Sie war Endstation einer Kipploren-Gleisanlage, ein überdachter Holzbau. Die Gleise befanden sich in etwa 2 Meter Höhe über dem Normal-Niveau. Oben standen bereits zwei Loren. Zur Straße hin befand sich ein Prellbock, damit die Loren nicht über das Ende des Schienenstranges hinweg auf die Straße fallen konnten.

Wir verließen also den Traktor, stiegen hinauf zu den Loren, und schoben diese, mit vereinten Kräften, auf den Schienen leicht ansteigend bergauf bis zu den Sandgruben. Die gesamte Anhöhe, der Galgenberg, bestand aus reinem Sand unter einer etwa 1 Meter dicken Humusschicht. In der Sandgrube standen bereits, auf einem Nebengleis, die nächsten Loren, voll mit Sand beladen, zum Abtransport bereit. Was jetzt kam, habe ich später an arbeitsfreien Tagen allein, aber mit leeren Loren, noch des öfteren getan. An der rechten Seite der Loren war eine offene Öse angebracht. Durch diese Öse wurde ein etwa 10 cm dickes Rundholz gesteckt, so dass es unter dem Vorderrad und auf dem Hinterrad zu liegen kam. Wir stiegen auf den umlaufenden Rahmen der Lore, hielten uns an dem Kippbehälter fest, und schon ging die Fahrt los, die leicht abschüssige Strecke hinunter. Immer, wenn die Geschwindigkeit zu hoch wurde, traten wir auf den Balken, so dass beide Räder gleichzeitig abgebremst wurden. So gelangten wir in einer rasanten Fahrt unten an der Verladestation an. Hier war größte Aufmerksamkeit geboten, da die Loren rechtzeitig noch vor dem Prellbock zum Stehen gebracht werden mussten. Dann wurde bei den Loren der Kippmechanismus gelöst, und der Sand rutschte über eine schiefe Ebene direkt in den Anhänger unseres Traktors. Und wieder fuhr „Onkel Unsicher“ zum Bahnhof, wo seine braune Fracht in Eisenbahnwaggons umgeladen wurde. So wiederholten sich die Fahrten bis zum verdienten Feierabend.

An diesem Tag habe ich viel gelernt. Wenn möglich, wenn leere Loren zur Verfügung standen, habe ich diese Fahrt immer wieder allein gemacht. Mit vollen Loren hätte ich das nie gewagt. Keiner hat mich bei diesem Treiben gesehen oder erwischt – und es ist auch nie etwas Unvorhergesehenes passiert. Im Nachhinein gesehen war es ein halsbrecherisches Unterfangen, aber schön war es trotzdem.

- Der Galgenberg war von allen Seiten schon mit Sandgruben versehen. Etliche von ihnen waren bereits ausgeschöpft, ein weiterer Abbau des Sandes lohnte sich nicht mehr. Doch besonders eine, die noch voll in Betrieb war, hatte es uns als Kinder angetan. An sonnigen Wochenendtagen konnte man dort herrlich spielen.

Unter der etwa einen Meter dicken Humusschicht, die immer von oben her abgetragen werden musste, gab es den reinen Sand mit einer Mächtigkeit von über 20 Metern. Dieser Sand wurde im Berg halbkreisförmig abgebaut. Was an Abraum nicht gebraucht wurde, schüttete man einfach in die Mitte des Halbrunds. So entstand im Laufe der Zeit ein Hügel mit abfallenden Hängen von 45 Grad Schräge, wie im Gebirge die Kars.

Um den Abraum abzubauen, hatte man quer über das Halbrund der Sandgrube ein festes Stahlseil gespannt. Die eine Seite des Seilendes war höher angebracht als das andere. Damit wurde ein natürliches Gefälle erzeugt. Dieses Seil diente als Tragseil für einen Förderkorb, der mit einer Rolle am Tragseil hing und mit einem anderen Seil wieder zur höheren Position gezogen werden konnte. In der Mitte des Tragseiles, mitten über der Grube, war ein Knoten befestigt. Der Abraum wurde auf der oberen Ebene in den Korb gefüllt. Dann ließ man ihn mit dem Eigengefälle hinunter gleiten. Kam der Korb an den Knoten, so wurde eine Kippvorrichtung ausgelöst, der Korb kippte seitlich herum und entließ seinen Inhalt auf den schon bestehenden Hügel in der Mitte der Grube.

Wir Jungen hatten durch diese Methode ein herrliches Spielzeug. Oben, auf der höheren Ebene, stieg einer von uns in den Korb. Am Seil hängend ließ er sich nun herunter gleiten. Kam der Korb an den besagten Knoten, so kippte der Korb um, und der Junge fiel aus ihm heraus. Das war der eigentliche Nervenkitzel, denn im freien Fall landete er auf dem Hügel, und rutschte dann an ihm herab bis zur Sohle der Grube. Mit unseren Lederhosen war das überhaupt kein Problem. Wir hatten dabei immer mächtigen Spaß. Nach dem Fall wurde der Korb am Zugseil wieder nach oben gezogen, und der nächste Junge konnte mit dem Spiel beginnen. Der eben herunter gefallene Junge musste auf einem Umweg außen um die Sandgrube herum gehen und wieder nach oben klettern. Damit war für genügend Bewegung gesorgt.

Auch wenn niemand von uns verletzt wurde, durften die Erwachsenen nichts von unseren Umtrieben etwas erfahren. Es war ein riesiger Spaß, aber heute denkt man natürlich auch an die Gefahren, die solche Abenteuer in sich bergen. Fazit also für unsere Nachkommen: Bitte nicht nachmachen!!!

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