Berufswunsch und Realität

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Autor: Johannes A. Malchàrek


Vor knapp 78 Jahren wurde ich am 28 Juli 1931 geboren. Am Rande des Südhar­zes war meine Heimat. Von klein auf war ich mit der Natur sehr verbunden. Schon im Alter von 5 Jahren büchste ich zu Hause aus und trieb mich in den nahen Wäldern herum. Ich liebte die Blumen in unserem Garten, hatte Interesse an den Beerensträuchern und sprach mit den Bäumen. Nicht umsonst nannten mich meine Eltern den „Stachelbeerförster“. Das war lieb gemeint, und ich habe es auch so empfunden.

Durch meine vielen Expeditionen in unsere Umgebung kannte ich bald viele Geheimnisse der Natur. Ich brachte, ohne bestimmte Anlässe, meiner Mutter Sträuße von Feld- und Wiesenblumen mit nach Hause. Ich kannte schon viele Heil- und Wildkräuter. Während meiner Schulzeit, es waren die Kriegsjahre, mussten wir Schüler Heilkräuter und –Beeren sammeln, trocknen und in der Schule abliefern. Da hatte ich den Vorteil, dass ich die Vegetationsperioden der verschiedensten Pflanzen bereits kannte und deren Standorte. Das vorgeschrieben „Soll“ habe ich jeweils mit Leichtigkeit übererfüllt.

Aus der Bezeichnung des Stachelbeerförsters wuchs bei mir im Laufe der Zeit der Wunsch, einmal Förster zu werden. Gegen Ende meiner Schulzeit widmete ich viel meiner Freizeit auf das Fach Biologie. Als Abschlussarbeit der Realschule schrieb ich ein Buch „Die Fichte, ein deutscher Schatz“. Ich hatte inzwischen Umgang mit den Förstern unserer Wälder und den Waldarbeitern. Es gab für mich keine Alternativen: Ich werde einmal Forstmeister. Nach Beendigung meiner Schulzeit werde ich die Forstschule besuchen, die Elevenzeit absolvieren und weiter studieren!

Doch das Leben spielt oftmals eine eigene Rolle. Mein Vater war während der Hitlerzeit Mitglied in der SA (Sturmabteilung). Das allein genügte in der DDR, damit ich in keiner Forstschule zugelassen wurde. Selbst die Einreichung meiner Abschlussarbeit hat an der Weigerung der Schulbehörden nichts geändert. Ich habe damals die Welt nicht mehr verstanden und konnte mich mit diesem Entscheid einfach nicht abfinden.

Nun muss ich wieder einmal meinem Vater ein großes Lob aussprechen. Er kannte seinen Jungen, und er hat mich auch während meiner Entwicklungszeit beobachtet und geführt. So ist ihm nicht entgangen, dass ich mich neben meinem Hang zur Natur, auch sehr mit der Technik auseinander gesetzt habe. Von „Märklin“ besaß ich einen Stabilbaukasten. Aus den einzelnen Komponenten baute ich Eisenbahnen, Autos, Kräne und Seilbahnen. Kurz nach Kriegsende bekam ich von meinem Vater einen Detektorempfänger. Hierzu bastelte ich mir eine Hochantenne von unserem Hausgiebel bis zu einem mehrere Meter hohen Masten. Danach erweiterte ich meine Tätigkeit. Ich baute mir einen Rundfunkempfänger mit Allstrom betrieben mit 2 Wehrmachtsröhren „P2000“, Selengleichrichter, Luftkondensator und einem Freischwinger-Lautsprecher. Das Gehäuse dazu baute ich aus Sperrholz selber. Weiterhin baute ich einen mechanischen Wecker, der mit 2-Pfennig-Stücken gefüttert werde musste, umgebaut, mit einem elektrischen Kontakt versehen, und mit meinem Rundfunkempfänger verbunden. So hatte ich, schon weit vor deren Erfindung, einen Radio-Wecker.

Diese meine Aktivitäten in der Technik veranlassten meinen Vater dazu, dass er versuchte, für mich eine Lehrstelle als Uhrmacher zu finden. Aber seine Bemühungen blieben erfolglos. Ein Sportfreund meines Vaters war Betriebsingenieur in einer Eisengießerei und Maschinenfabrik. Hier wurde ich als Lehrling (Auszubildender) als Maschinenschlosser angenommen. Im ersten Lehrjahr hatte ich immer noch den Wunsch im Hinterkopf: Ich beende meine Lehrausbildung, und nach der erfolgten Ausbildungsprüfung, versuche ich doch noch den Forstberuf zu ergreifen. Aber schon im 2. Lehrjahr machten mir die Fortschritte in meinem neuen Beruf so viel Freude, dass ich nun mit ganzem Herzen dabei war. Fördernd war der Umstand, dass der Schwiegersohn meines Lehrmeisters ausgebildeter Rundfunkmechaniker war, in diesem Beruf aber keine Anstellung fand, und somit in meinem Lehrbetrieb als Aushilfsmechaniker tätig war. Unter seiner Leitung, und mit der Erlaubnis meines Lehrherrn, baute ich mir nun einen 8-Röhren Superhet, mit allen Wellenbereichen und magnetostatischen Lautsprechern. Das Gehäuse ließ ich von einem Schreiner anfertigen. Oben hatte das Radio einen Deckel, unter dem sich ein Plattenspieler verbarg. Zur Senderanzeige hatte ich eine Flutlichtskala gewählt.

Kurz nach der Fertigstellung dieses Radios musste ich aus politischen Gründen aus der DDR flüchten. Nach der Anerkennung als politischer Flüchtling erhielt ich die ständige Aufenthaltsgenehmigung in der Bundesrepublik Deutschland.

Meine erste Anstellung als technischer Zeichner bekam ich in Stuttgart in einem Konstruktionsbüro für mechanische Rechenmaschinen. Hier bekam ich täglich Unterricht in der Kinematik und im industriegerechten technischen Konstruieren. Nebenbei habe ich noch im Fernstudium beim Technischen Institut Dr. Paul Christiani in Konstanz den Abschluß zum Konstruktionstechniker abgelegt. Parallel dazu habe ich durch die staatlichen Ingenieurschulen in Stuttgart-Esslingen im Fachbereich Maschinenbau den Titel „Ingenieur“ erworben.

In der Folgezeit konstruierte ich in den verschiedensten Betrieben Geräte wie Cameras, Taschentransistorgeräte, Kleindiktiergeräte, mechanische Industrie-Zähler für Spinnereien und Webereien, sowie Buchungsautomaten mit automatischen Einzügen für Banken, Bürodiktiergeräte, Spulentonbandgeräte, Cassettengeräte und Radiogeräte mit Mikrocassetten. Diese ganzen Arbeiten haben mir Freude und Genugtuung bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben mit 64 Jahren gebracht. Ich war mit Leib und Seele Konstrukteur. Es war für mich im Nachhinein mein Traumberuf. Ich habe, obwohl ich Anfangs mit Widerstreben diesen Berufszweig begonnen hatte, mit viel Einsatz, mit Lust und Liebe zur Sache, und nicht zu vergessen, am Erfolg meiner Tätigkeiten, ein ausgefülltes Leben gehabt.

Ich habe also allen Grund dazu, meinem Vater dafür zu danken, dass er meine Fähigkeiten erkannt hat, und mich auf den richtigen Weg gebracht hat. Auch das Streben nach „Mehr“ und den eingeschlagenen Weg konsequent zu verfolgen, das habe ich meinem hervorragenden Elternhaus zu verdanken.


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