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Autor: Dieter Wilhelm
Vom Berliner Alexanderplatz Richtung Osten geht die große Frankfurter Allee. Diese wurde von der DDR-Regierung (es hieß noch Ostzone) in Stalinallee umgetauft und als Prachtstraße im „russischen Zuckerbäckerstil“ ausgebaut. Die Arbeiter wurden nach sogenannten „Normen“ entlohnt, wer mehr schaffte, wurde gut bezahlt, darunter durfte man aber auch nicht bleiben.
Eines Tages wurden die Normen willkürlich erhört, das war der Auslöser für den Aufstand vom 17. Juni 1953. Die ostzonale Führung wurde praktisch entmachtet, einen Minister hatten erboste Arbeiter sogar in seinem Auto sitzend nach Westberlin getragen und dort der Polizei übergeben. Ulbricht, der damalige Regierungschef, musste in einem Panzerwagen aus seinem Regierungssitz flüchten.
Der Aufstand wurde durch die russische Besatzungsarmee niedergeschlagen. Ich bin natürlich von Westberlin trotz elterlichen Verbots auch in den Ostsektor gegangen. Die Russen fuhren mit Panzern auf die Menge zu und schossen über die Köpfe, um Versammlungen aufzulösen. Das ist ein ganz unheimliches Gefühl, wenn so ein Riese kettenrasselnd ankommt, ich kam jedenfalls nicht auf die Idee, da auch noch mit Steinen zu werfen.
Wir brüllten vielmehr den östlichen Grenztruppen Freiheitsparolen zu. Als zehn Meter vor mir einer niedergeschossen wurde, der sich als Erster weitergewagt hatte, bin ich mindestens einen Kilometer gerannt und dann doch besser nach Hause gegangen. Bruder Gerry gestand abends, dass er natürlich auch an der Grenze war.
Einige Wochen später war alles ruhig gestellt, man hatte zwar die Normen zurückgenommen, aber die Anführer verhaftet. Von da ab lief alles auf den späteren Mauerbau zu. Vor allem, da zuletzt wöchentlich zwanzigtausend Flüchtlinge nach Westberlin kamen und die spätere DDR verließen.
Die Russen bzw. deren DDR- Befehlsempfänger versuchten dauernd irgendeine Störung. Besonders nachdem die Blockade 1949 durch den Einsatz der „Rosinenbomber“, den alliierten Flugzeugen, die Berlin über ein Jahr lang aus der Luft versorgten, erfolglos geworden war. Von der Blockade bekam ich direkt nichts mit, zu der Zeit wohnte ich noch in Eichwalde.
Das heutige Funkhaus des SFB. am Funkturm war z. B. von den Russen nach dem Krieg übernommen worden und bei der Übergabe von Westberlin an die Alliierten von ihnen weiter benutzt worden, obwohl es in Westberlin lag. Nachdem alle Vermittlungsversuche der – für den Sektor zuständigen - Engländer vergebens waren, zogen sie große Stacheldrahtrollen um das Funkhaus. Jeder durfte hinaus, aber niemand mehr hinein. Es ging aber keiner hinaus. Die Russen lagen in den Fenstern und schauten auf die englischen Wachmannschaften, die schauten wiederum die Russen an und sonst passierte nichts. Die Berliner gingen scharenweise hin um beide anzuschauen. Nach zwei Wochen sind die Russen dann doch abgezogen. Wir hörten sowieso lieber den RIAS, den Rundfunk im amerikanischen Sektor, der von den Amerikanern gesponsert wurde und flottere Musik brachte.
Die ostdeutschen Kommunisten hatten das Ziel, Westberlin einzugemeinden und ließen keine Schikane unversucht. Um den Flüchtlingsstrom wenigsten einzudämmen, wurden in der S-Bahn an den Grenzbahnhöfen zu Westberlin Koffer kontrolliert. Erboste Fahrgäste haben einmal einen Volkspolizisten festgehalten als der Zug schon anfuhr. Bis zur ersten Station in Westberlin wurde er gehörig verprügelt und dann der Polizei übergeben, die ihn zurückschickte. Seitdem mussten sich nach der Durchsuchung alle Vopos vor dem Zug mit erhobener Hand aufstellen, dann erst kam der Befehl, den Zug weiterfahren zu lassen.
Wenn man von Westdeutschland nach Westberlin durch die Ostzone fuhr, hatte man ständig ein unangenehmes Gefühl und war froh, wieder hinter der Grenze zu sein. Die Kontrollen waren sehr umständlich. Man musste aus dem Wagen steigen und in einer Kontrollstelle seinen Pass durch einen Schlitz schieben, den man dann nach geraumer Zeit an einem anderen Schalter wiederbekam. Dann wurde das Auto genau kontrolliert. Unter den Wagen wurde ein rollbarer großer Spiegel gehalten und im Tank gestochert, ob dieser evtl. zu einem Versteck umgebaut worden war. An Lastwagen wurden Suchhunde, die auf das Aufspüren von Menschen dressiert waren, eingesetzt. Das Schlimmste war das Gefühl des Ausgeliefertseins, man hatte dort praktisch keine Rechte.
Zu Zeiten des Mauerbaus wohnte ich später schon nicht mehr in Berlin, hatte aber geschäftlich oft da zu tun. Zwei Ereignisse sind mir besonders im Gedächtnis:
Ich sah einmal direkt an der Mauer auf Westberliner Gebiet ein offensichtlich gerade getrautes Brautpaar in weißem Kleid und Smoking mit einem Taschentuch den Eltern zuwinken, die nur hundert Meter entfernt hinter der Grenze aus Ostberlin zurück winkten. Es gab nach dem Mauerbau zunächst keine Möglichkeit für Ost- und Westberliner in den jeweils anderen Stadtteil zu kommen. Besonders die Frau weinte bitterlich an ihrem eigentlich schönsten Tag. Ich werde den Anblick nie vergessen der die ganze menschenverachtende Brutalität des Regimes zeigte.
Viel später hatte ich geschäftlich öfter in Ostberlin zu tun. Einmal kaufte ich eine Ananas und schenkte sie dem älteren Portier des Ostberliner Handelszentrums, welches ich aufsuchen musste.
Der bedankte sich überschwänglich und erklärte, dass er diese je zur Hälfte seinen Enkeln schenken würde, die hätten in ihrem Leben noch nie so etwas gesehen.
Ich hatte die Ananas im Westen vier Kilometer Luftlinie entfernt als Sonderangebot gekauft!
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