Mein Weg in die Kriegsgefangenschaft 1944

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Autor: Günter Dudeck

Gegen Mittag, die Sonne brennt erbarmungslos, es ist der 5. Juli, geht es nicht mehr weiter. Vor uns der Feind. Heftiges Gewehr und Geschützfeuer von vorn. Während ich noch überlege, höre ich jemanden rufen. Ein Kamerad liegt am Boden. Sein linkes Bein ist weit oberhalb des Knies abgetrennt, ein schrecklicher Anblick. Er ist sich, genau wie ich, seiner aussichtslosen Situation völlig bewusst. Es gab keine Möglichkeit der Hilfe. Er fleht mich an: „Kamerad erschieß mich, bitte!”. Dieses Erlebnis ist das schlimmste meiner gesamten Kriegszeit. Ich habe immer wieder darüber nachdenken müssen. Wäre es menschlich gewesen seiner Bitte zu folgen? Sollte ich zum Mörder werden?
Einem Tier hätte man den Gnadenschuss gegeben! Ich sage ihm, er solle nicht verzweifeln, ich werde Hilfe holen, wohl wissend, dass es die nicht geben kann. Heute noch mache ich mir Vorwürfe, dass ich ihn nicht wenigstens nach seinem Namen und seiner Heimatadresse gefragt habe. Hoffentlich hat er nicht mehr lange leiden müssen. Mit etwa 5 Kameraden verstecke ich mich in einem hohen großen Getreidefeld. Uns plagt ein wahnsinniger Durst. In einer Senke führt ein Weg zu einem Haus. Ich sammle die Kochgeschirre, da ich dort einen Brunnen vermute. Plötzlich stehen mir 2 Russen in ca. 30 m Entfernung mit Maschinenpistolen gegenüber und rufen „Rucki werch!” (Hände hoch!). Ich will aber noch nicht in Gefangenschaft, werfe meine Kochgeschirre weg und renne wie wohl noch nie in meinem Leben in Richtung Getreidefeld davon. Sie schießen mit ihren Maschinenpistolen. Ich rechne, jeden Moment getroffen zu werden. Hier hätte für mich der Krieg zu Ende sein können. Ein gütiges Schicksal hat mir das Leben erhalten. Im Kornfeld treffe ich, wie durch ein Wunder, die anderen wieder. Wir gehen weiter in Richtung Westen. Vor uns eine Straße. Auf der anderen Seite eine russische Panzerabwehrkanone. Zurück ins Kornfeld. Wir beschließen, auf die Dunkelheit zu warten, um uns dann vielleicht vorbei schleichen zu können. Ich lege mich hin und schlafe sofort ein, in dieser Situation sicher ein Beweis der totalen Erschöpfung. Das Erwachen ist unsanft. Ich blicke in die Mündung der Maschinenpistolen berittener Russen, die das Feld durchkämmt haben. Der Lauf um mein Leben war umsonst! Was kommt nun auf mich zu?

Die Russen führten uns zu einem Sammelplatz an einem See. Auf unsere Bitte schöpften sie aus dem See einen Eimer Wasser für uns. Endlich konnten wir unseren Durst löschen. Sie nahmen uns unsere Uhren ab behandelten uns aber sonst korrekt. Sie sagten freundlich „Woina kaputt”. Der Krieg wäre ja nun für uns vorbei und nun müssten wir für sie arbeiten. Irgendwie war ich erleichtert. Sollten die Russen doch nicht so sein, wie man uns erzählt hatte?


Die Vernichtung der Heeresgruppe Mitte hatte Verluste in der Größenordnung von 350 000 - 400 000 Mann zur Folge. Davon 200 000 gefallen und 85 000 gerieten, wie ich, in Gefangenschaft. Der Rest verwundet. In der Heimat Bombenterror auf Frauen und Kinder In Frankreich die erfolgreiche Invasion. U-Boote ohne Erfolg. Eine Schreckensmeldung jagte die andere. Der Krieg ging unwiderruflich verloren.

Wir wurden zu einer Sammelstelle gebracht. In unserer Gruppe war auch ein Hiwi. Das waren Russen, die sich der Deutschen Wehrmacht als Hilfswillige zur Verfügung gestellt hatten. Er wurde schlimm gequält und hat wohl diesen kurzen Marsch nicht überlebt. Zum ersten Mal erlebte ich, wie grausam hassende Menschen sein können. Die Nacht verbrachten wir, nachdem uns die Soldbücher abgenommen worden waren, in einem Pferdestall. Am nächsten Tag wurde eine Kolonne von 100 bis 200 Gefangenen zusammengestellt und unter Bewachung einiger bewaffneter Zivilisten begann der Marsch nach Osten. Wir schleppten uns dahin. Zurückbleiben war ein Todesurteil.
Gefangennahme: Östlich von Minsk

Fußmarsch: Von Minsk nach Mogilew (ca. 300 km)

1. Gefangenenlager: Brjansk

Ich machte die furchtbare Erfahrung, dass in solch einer Situation jeder gegen jeden nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Keine Kameradschaft mehr. Vielleicht kam es aber auch daher, dass keiner seinen Nachbarn von früher kannte. Wir übernachteten in Scheunen. Einmal in einem Haus. Im Dachgeschoss stritt man sich wohl um den besseren Schlafplatz. Die Posten schossen und es gab 3 Tote mehr. Unsere Begleiter waren eigentlich nicht bösartig, aber sie hatten natürlich auch Angst vor uns. Jeder hatte unterwegs eine leere Konservenbüchse aufgesammelt. Man ließ uns Feuer machen und wir kochten irgendwelche Gräser, einmal Fluss­muscheln, als wir an einem Bach rasteten. Nach 3 Tagen erhielten wir, zum ersten und letzten Mal, auf diesem Marsch über eine Strecke von fast 300 km, von Minsk nach Mogilew, 1 Mütze roher Kartoffeln als Verpflegung. In den Nächten hatte ich die schönsten Träume, ich war auf Hochzeiten mit den köstlichsten Malzeiten. Grausam war dann das Erwachen in die Wirklichkeit. Die Lastwagen der Russen, welche an uns vorüber rollten, waren fast alle amerikanischer Herkunft. Auch die leeren Konservenbüchsen verraten, dass sie aus Amerika kommen. Ohne amerikanische Unterstützung, so mein Eindruck, hätten die Russen diesen Angriff wohl nicht führen können. Wir saßen im Straßengraben und eine russische Marschkolonne zog vorbei. Ein Soldat ruft ganz laut zu uns herüber: „Chittler gutt Jud kaputt”. Russen haben Probleme mit dem „H” und ersetzen es durch „CH”. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Eine Provokation? Später wurde mir klar, dies war ernst gemeint, es gibt einen ganz starken Antisemitismus im russischen Volk.

Heute wird versucht, die damalige Zeit so darzustellen, als hätte die deutsche Bevölkerung damals nichts Besseres zu tun gehabt, als Juden zu quälen, sie ins KZ und ums Leben zu bringen. In Wirklichkeit hatte jeder so viele eigene Sorgen und Probleme zu bewältigen, dass keine Zeit war, sich über KZ-Gerüchte, die es ja gab, den Kopf zu zerbrechen und sie in den Vordergrund zu rücken. Ich selbst habe, nach dem Krieg als die Wahrheit herauskam, dies zunächst auch für Gräuelpropaganda gehalten.

Doch zurück zu unserem Marsch. Nach einer Woche erreichten wir das große Sammellager in Mogilew. Hier begegnete mir zum ersten Mal wieder ein Angehöriger meiner Kompanie, Unteroffizier Dobslaw. Ich hatte ihn als korpulenten stattlichen Mann in Erinnerung, nun war er ein Strich. Wäre nicht seine Stimme gewesen, ich hätte ihn nicht erkannt. Wir lagen im Freien und bekamen pro Tag eine halbe Konservenbüchse Sojabrei. Nach einer Woche musste ich mich nach dem Essen übergeben. Mein Magen protestierte. Wenn ich aufstand, wurde mir schwarz vor den Augen und ich musste mich erst einmal wieder hinlegen. Einmal wurden Leute für Aufräumungsarbeiten gesucht. Ich ging mit. Es gab irgendetwas über einen Hof zu tragen. In einem offenen Fenster lag ein Stück Brot zum Trocknen. Vor dem Fenster das Dach eines Schuppens. Ich schaute mich um, kletterte auf das Schuppendach und das Brot gehörte mir. Zum ersten Mal habe ich geklaut. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

Mitte August werden wir in Güterwagen gepfercht und nach Briansk transportiert. Hier ist ein Hauptlager. Wir werden genau registriert, Adressen, Ausbildung und Beruf. Jetzt gibt es auch eine regelmäßige Verpflegung. Drei mal dünne Suppe mit je 200g Brot. Ich schöpfe wieder Hoffnung davonzukommen. Nach ein paar Tagen kommen wir in ein Außenlager. Es besteht aus einer geteilten großen Fabrikhalle. In diesem Lager leben jetzt 700 Gefangene. Wir schlafen zunächst auf dem nackten Betonfußboden. Auf meinen Beckenknochen bildet sich langsam eine Hornhaut. Der Körper ist anpassungsfähig. Wir bekommen alle eine Glatze geschoren. Unsere Kleider tragen wir Tag und Nacht. In kurzer Zeit sind wir verlaust. Die Haut juckt. Nachts plagen uns Wanzen. Einmal zerbeiße ich eine auf meinem Brot. Ein fürchterlicher Geschmack! Die Schuhe werden uns abgenommen und durch Holzlatschen ersetzt. Wir werden in Arbeitsbrigaden eingeteilt. Ein Deutscher ist als Brigadier auf der Arbeitsstelle für die Einteilung der Arbeiten verantwortlich. Für sanitäre Bedürfnisse gibt es abseits der Halle einen Balken mit Grube dahinter. Irgendwo ein Wasserhahn.

Der Tagesablauf beginnt um 6 Uhr. Im Hof antreten zur Zählung. Wenn wir Glück haben, dauert es 20 Minuten, haben die Wachen sich verzählt, kann daraus auch die doppelte Zeit werden und das bei jedem Wetter und jeder Temperatur. Langsam kommt ja der Winter! Das Essen gibt es für 10-er Gruppen, die auch jeweils 2 kg Brot bekommen. Das Teilen des Brotes ist eine Zeremonie mit unterschiedlichen Verfahren, die eine gerechte Verteilung sichern sollen. Von Montag bis Samstag: gegen 8 Uhr Ausmarsch zur Arbeitsstelle. Mittags von der Arbeit ins Lager zum Essen, danach wieder zur Arbeit bis 18 Uhr. Am Sonntag Fußmarsch 4- 8 km in den Wald. Zurück mit einem Baumstamm für den Lagerbedarf. Der Sonntag ist deshalb gefürchtet.

Ich arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Zu zweit Ziegel und Mörtel zu den Maurern über wackelige Gerüste tragen. Eine Knochenarbeit. Die Arbeit wird nach Normen bewertet. Wer über 100 % schafft, bekommt 200g Zusatzbrot. Hilfsarbeiter schaffen das nie. Ich bemühte mich um eine andere Arbeit, denn lange hätte ich diese Arbeit nicht ausgehalten. Allmählich kam der echte Hunger. Die Suppen: Wasser, Kraut, kein Fett oder Fleisch, eventuell ein Bröckchen Salzfisch. Das Brot wie ein Schwamm. Mittags gab es zusätzlich „Kascha”, ein gesalzener Brei aus Hirse, Graupen oder Buchweizen. Außerdem gibt es etwas Machorka (Grüner krümeliger Tabak). Er wird zum Rauchen in Zeitungspapier eingerollt. Ich tausche ihn oft gegen Brot, rauche aber auch selber. Viele, vor allem die Jungen und die Älteren, magerten ab bis sie wie wandelnde Skelette aussahen und nicht mehr arbeiten konnten. Dystrophie. Mein Glück war, dass ich eine relativ gute körperliche Verfassung hatte. Ich erlebte, wie ein Kamerad, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte, er hieß Meyer, war aus Augsburg und ausgebildeter Jagdflieger, innerhalb von drei Monaten völlig teilnahmslos und gleichgültig wurde. Mit ihm, der am Anfang von seiner Freundin schwärmte und hoffnungsvoll war, konnte ich nun kaum noch ein Wort wechseln. Auch mich beschlich oft Hoffnungslosigkeit. Wenn ich diese Zeit überleben würde, nahm ich mir vor, wollte ich Bäcker werden, um niemals mehr hungern zu müssen. Aber sollte das in meinem Leben wirklich alles gewesen sein? Wie ging es meiner Mutter und meinem Bruder?

Täglich wurden Tote auf einem 2-rädrigen Karren aus dem Lager gefahren und dahinter auf einem Acker begraben. Morgens hieß es dann, heut Nacht ist der und der gestorben.

Durch eine Wandzeitung erfuhren wir vom Anschlag auf Hitler und von den Kriegsereignissen. Auch das „Nationalkomitee Freies Deutschland” warb. In ihm waren Generäle vertreten, die, ohne Rücksicht auf Verluste, noch vor kurzem tausende gutgläubige treue Soldaten gegen den bösen Feind in den Tod getrieben hatten und die nun in Gefangenschaft bei besten Verhältnissen gegen alles waren, was sie vorher vertreten hatten. Für mich zerbrach ein Teil meines Weltbildes. Ich hatte eine wahnsinnige Wut im Bauch. Verraten! Missbraucht? Oder nur Propaganda? Den Russen war an einer politischen Schulung gelegen. In jedem Lager gab es ein „Antifaschistisches Aktiv”, dies waren meist ältere Kommunisten oder Sozialdemokraten. Sie mussten nicht arbeiten und sollten die Gefangenen im Sinne kommunistischer Ideologie beeinflussen. Sie waren in der Regel von ihrer Idee ehrlich überzeugt und konnten manche Mängel im Gespräch mit der Lagerleitung beheben, wenn auch ihr Einfluss nicht allzu groß war. Mich überraschte die Ähnlichkeit der Menschenbehandlung zur Erzielung von Höchstleistungen unter dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus in Form der öffentlichen Darstellung der persönlichen Leistung.

Wir bekamen 2-stöckige Holzpritschen ohne irgendwelche Auflagen. Als Winterbekleidung braune russische Militärmäntel. In jedes Hallenteil wurden je 2 Öfen aus Benzinfässern aufgestellt in deren Nähe man sich etwas wärmen konnte. Zum Lager gehörte auch ein Krankenstation in einer Baracke. Eine russische Ärztin und 2 deutsche Ärzte betreuten die Kranken. In der Hauptsache wohl Durchfall. Als Medikament gab es nur Kaliumpermanganat. Eine Banja, ein Badehaus mit Duschen Wäscherei und Entlausung wurde gebaut. Nun konnten wir alle 2 oder 3 Wochen einmal duschen, bekamen frische Unterwäsche und die Kleider wurden entlaust. Im fast aussichtslosen Kampf gegen die Läuse mussten wir auch alle Schamhaare rasieren lassen. Die nachwachsenden Stoppeln waren nicht angenehm. Ratten suchten in den Hallen nach Essbarem. Diese Optimisten!

Ich hatte Glück und kam noch vor Wintereinbruch in die „Panzerbrigade”. Wir arbeiteten in einer großen langen Halle mit Fenstern ohne Glasscheiben. Zu zweit mussten wir Panzer des Typs T34 reinigen. Sie waren innen voller Dreck und Ölschlamm. Als Lampe diente eine Konservendose mit Dieselöl und ein brennender Lappen. Wir selbst sahen aus wie Schornsteinfeger. Zu allem Übel war auch noch die Wasserleitung eingefroren, so dass wir uns nicht waschen konnten. Die Haut bekam einen Ausschlag. Trotzdem waren wir gut dran. Der Vorteil dieser Tätigkeit bestand darin, dass sie körperlich nicht anstrengend war und wir immer unsere Norm erfüllen konnten, was uns 200g Zusatzbrot sicherte.

Einmal kam mir eine junge rothaarige Russin entgegen, schaute sich um, ob niemand in der Nähe ist, dann schenkte sie mir ein Stück Brot. Sie wusste wahrscheinlich nicht, wie viel sie mir damit gab, etwas was in dieser Lage mehr wert war als das Brot: das Gefühl beachtet zu werden! Und das noch von einem jungen Mädchen. Ich werde sie mein Leben lang im Gedächtnis behalten. Sie wird es nie erfahren.

Der Winter kam und damit wurde die Arbeit unangenehmer denn es wurde auch in der weitgehend offenen Halle immer kälter. Wir mussten nun die Panzer anwärmen. Dazu schoben wir eine Wanne mit Dieselöl darunter und zündeten sie an. Einmal fiel unsere „Lampe” im Inneren des Panzers um und das Hinterteil stand in Flammen. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wir hätten das schnell wieder gelöscht, aber unglücklicherweise kam in diesem Augenblick der Natschalnik, der Chef des Ganzen, vorbei und schimpfte fürchterlich. Sabotage!


Ein paar Tage später. Zum Waschen von Getriebeteilen hatten wir eine Wanne mit Dieselöl, die wir ebenfalls durch eine darunter gestellte brennende Wanne erwärmen mussten. Nun stand wahrscheinlich die obere Wanne etwas schief, die Flammen schlugen nach oben und setzten auch die obere Wanne in Brand. Wir legten ein Blech darauf, dass aber die Flammen nicht ganz erstickte, es brannte noch etwas an der Ecke. Ausgerechnet in diesem Moment kam wieder der Natschalnik. Nun war für ihn klar, wir sabotieren. Ich wurde ins Büro geschleift. Er erzählte was geschehen war und alle kamen drohend auf mich zu. Ich flüchtete in eine Ecke und einer boxte mich in den Bauch. Damit endete im Februar 1945 diese Beschäftigung und ich wurde zu einem Schuttplatz geschickt, wo ich Ziegelsteine reinigen musste. Im Freien bei einigen Grad Kälte, ohne die Norm erfüllen zu können und ohne Zusatzbrot. Nach 2 Wochen: Fieber und Durchfall. Ich kam in die Krankenstation. In einem Zimmer etwa 4×5 m 2-stöckige Pritschen mit ca. 10 Gefangenen mit den gleichen Erkrankungen. Hier gab es wenigstens Strohsäcke. Ein Eimer mit Deckel zur Notdurft. (Durchfallkranke!). Es stank fürchterlich. Medizin: 1 Löffel Kaliumpermanganat. Viele wollten nicht mehr essen, weil es sie ekelte und wahrscheinlich deshalb, weil es ja doch gleich wieder den Körper verließ. Dies war das Todesurteil. So verlor ich zwei meiner Pritschennachbarn. Mir war klar nur dann eine Chance zu haben, wenn ich keinen Bissen verschenke und ich schaffte es. Einer der Ärzte mochte mich wahrscheinlich etwas und nachdem ich wieder entlassen war, durfte ich mir hin und wieder bei ihm eine Suppe abholen.

Das Lager hatte im Februar 1945 noch ca. 250 Gefangene. Als Ersatz kamen rumänische Kriegsgefangene. Ich durfte zunächst im Lager bleiben und wurde Lagerelektriker. Als ich einmal nachts besonders Hunger hatte, bin ich aufgestanden, habe die Leitung zur Küche gekappt, in der es dadurch dunkel wurde, und mich wieder hingelegt. Prompt hat man mich geweckt und als Belohnung für die geglückte Fehlersuche bekam ich einen großen Teller Suppe. Leider ließ sich das nicht beliebig wiederholen. Noch eine andere Erfahrung musste ich machen. An dem Freileitungsmast mit der Zuleitung zum Lager war etwas defekt. Der Strom konnte nicht abgeschaltet werden. Ich glaubte dies, mit nötiger Vorsicht, schon in Ordnung bringen zu können. Plötzlich hing ich, auf der Leiter stehend, an den Drähten und kam nicht mehr los. Alles verkrampfte sich. Die Zeit, bis ich mich endlich lösen konnte, kam mir wie eine Ewigkeit vor. Nie wieder ist mein Herz so gerast. Die Herumstehenden lachten.

Der Krieg war inzwischen weiter gegangen. Die Russen hatten Breslau erreicht und eingekesselt. Ich hoffte, und so war es auch, dass meine Mutter mit meinem Bruder die Stadt noch verlassen konnte. Vielleicht waren sie in Dresden, wo meine Mutter ja viele Bekannte hatte. Dann hörten wir von den gewaltigen Angriffen auf diese Stadt und von der brutalen Zerstörung durch die Bombardierung. 1000 Bomber warfen in mehreren Wellen 650 000 Spreng- und Brandbomben auf die mit Flüchtlingen überbelegte Stadt. Man schätzt die Zahl der Toten auf 135 000! Würde ich meine Mutter noch einmal wiedersehen?

Am 9. Mai 1945 endete der Krieg. Wir hatten die völlig falsche Hoffnung nun in absehbarer Zeit entlassen zu werden und nach Hause zurückkehren zu können. Man gab uns aber sehr bald zu verstehen, dass daran überhaupt nicht zu denken sei. Wir müssten noch mindestens einige Jahre Aufbauarbeit leisten. 1948 wurde genannt. Die Enttäuschung war groß. Noch 3 Jahre? 4 Jahre sollten es werden!

Deutschland sollte jetzt an der Neiße enden? Schlesien und Ostpreußen, Gebiete mit Millionen deutscher Bevölkerung sollen an Polen und Russland gehen? Darf das wahr werden? Kann ich nicht mehr nach Breslau zurück? Ist die Heimat tatsächlich verloren? Die gesamte Bevölkerung auf der Flucht. Es fällt schwer das undenkbare zu verkraften! Dann die Nachricht von einer „Atombombe”. 100.000 Tote soll sie verursacht haben. Was ist Kernspaltung? An den Lagerbedingungen änderte sich wenig. Hunger regierte die Gedanken. Ich hörte, die Lager Brotbäckerei habe keine Uhr um die Backzeit genauer beurteilen zu können. Ihnen konnte ich helfen und baute eine Uhr nach folgendem Prinzip: In einen Wassereimer hängte ich an einer Schnur eine größere offene Konservenbüchse, die unten ein kleines Loch hatte. Die Schnur führte ich über eine Scheibe und hängte ein Gegengewicht daran, welches die Konservenbüchse langsam aus dem Wasser zog. Im Prinzip eine umgekehrte Sanduhr. Auf der Scheibe wurde die Zeit angezeigt. Der Zeitbereich konnte über das Gegengewicht reguliert werden. Zum neuen Start musste man nur die Büchse wieder in den Eimer tauchen. Die Bäcker waren zufrieden und ich konnte mich einmal an Brot satt essen.

Langsam hatte ich mich wieder etwas erholt, da wurden in einer Brigade Elektriker gesucht. Ich meldete mich und es klappte. Jetzt hatte ich Werkzeugmaschinen zu installieren, die man in Deutschland demontiert hatte. Wieder eine nicht so anstrengende Tätigkeit mit erfüllbarer Norm. Die Russen waren ja auf meine Kenntnisse zur Inbetriebnahme angewiesen. Als diese Arbeit beendet war, ging es in einer kleinen Schlosserwerkstatt weiter. Zunächst wurden elektrische Schalter aus Schutthalden repariert und teilweise erneuert.

Unser älterer Meister war ein angenehmer Mensch, mit dem wir gut auskamen. Jetzt bewährte sich meine praktische Schlosserausbildung, ich konnte meinen Kameraden einiges beibringen. Unsere Werkstatt lag neben der Eisenbahn-Fernstrecke. Als wir einmal gemeinsam einen Schnellzug vorbei fahren sahen, deutete der „Alte” auf die Personen am Fenster: „ Alles Leute mit krummen Nasen und Hornbrille!”

Eines Tages stand eine Art Zirkuswagen vor der Tür. Darin ein Traktormotor mit Stromerzeuger. Diese Kombination sollten wir zum Laufen bringen. Weil dem Motor einiges fehlte, schickte uns der Alte zu einem Schrottplatz auf dem solche Traktoren standen, zeigte uns, wo der Zaun ein Loch hatte, und wir klauten was notwendig war. Trotzdem fehlte noch einiges. Damit war ein gutes Betriebsklima endgültig gesichert. Wir brachten die Anlage in Gang. Sie wurde in den Ruinen einer Halle aufgestellt und an das begrenzte Netz angeschlossen, an dem neben anderem auch eine Tischlerei hing. Ich wurde der Maschinist mit einem Kameraden als Helfer. Der Motor hatte keinen Kühler mehr und so mussten wir durch entsprechende Frischwasserzufuhr immer die richtige Betriebstemperatur sicherstellen. Angeworfen wurde der Motor, nach Benzineinspritzung, mit einer Brechstange. Am Anfang verbrauchte die Einheit 20 Liter Dieseltreibstoff pro Stunde, die ich zugeteilt bekam.. Obwohl der Motor eine Magnetzündung hatte, lief er, wenn er warm war, mit Dieseltreibstoff. Nach kurzer Zeit gelang es mir durch Optimierung der Zündeinstellung den Verbrauch um 2-3 Liter pro Stunde zu senken. Es fand sich auch bald ein Abnehmer für den Überschuss. Nun ging es uns richtig gut, jedenfalls hungerten wir nicht mehr. Außerdem konnten wir morgens allein das Lager verlassen und allein wieder heimgehen. Was konnten wir uns unter den Gegebenheiten mehr wünschen? Der Winter 45/46 stand vor der Tür. Da passiert es. Wir finden morgens von unserem Elektrizitätswerk nur noch ein ausgebranntes Wrack. Wir erschrecken fürchterlich. Haben wir etwas Brennbares zurückgelassen? Was war passiert? Als wir erfahren, dass der Brand in den frühen Morgenstunden ausbrach, sind wir beruhigt, denn zu dieser Zeit waren wir lange im Lager. In den Trümmern findet sich die Kanne unseres Abnehmers. Jetzt kennen wir den Brandstifter und hoffen, dass er nicht erwischt wird, denn wenn der Handel herauskommt, sehen wir sicher auch nicht gut aus. Bei der Veruntreuung von Volkseigentum sind die Russen mit Strafen nicht kleinlich.

Wieder zurück in die Werkstatt. Man suchte dringend nach einer Ersatzstromquelle und fand sie in Form eines deutschen Generators. Der wurde nun mit einem langen Lederriemen an die Dampfmaschine des Sägewerkes angekoppelt. Gott sei Dank war ich wieder im Geschäft. Der Generator erzeugte 500 Volt, man wollte aber 220 Volt. Außerdem trieb die Dampfmaschine ein Sägegatter an, so dass die Drehzahl ständig schwankte. Meine Aufgabe bestand nun darin, den Regler so einzustellen, dass immer 220 Volt abgegeben wurden. Keine schwere, aber eine doch anstrengende Tätigkeit. Auch hier fand sich schließlich eine Lösung. Auf dem Weg zur Arbeit kamen wir an einem Schrottplatz mit LKW vorbei. Dort besorgte ich mir einen Regler von der Lichtmaschine eines Lastwagens. Aus dem baute ich 2 Spulen aus und legte sie über einen Widerstand an die Netzspannung. Nun kam eine dicke Schraube an eine Feder, die nun abhängig von der Spannung mehr oder weniger in die Spulen hineingezogen wurde. An die Schraube kam in der Eintauchtiefe bei 220 Volt ein Kontakt mit dem ich die Erregerwicklung über einen geeigneten Widerstand kurz schloss. Sicher nicht die klassische Methode einer Spannungsregelung, aber sie funktionierte besser als ich zu hoffen gewagt hatte.
So bekam ich meine Ruhe wieder, die Dampfmaschine war warm, ich musste nicht frieren und die Russen erhielten gleichmäßige 220 Volt. Leider fehlte das Ölgeschäft. Der Winter konnte kommen. In der Nähe unserer Werkstatt war ein Magazin in dessen ebenerdigen Fenster die Scheiben fehlten. Dahinter Kartoffeln. Mein Kollege stand Schmiere und versprach bei Gefahr zu pfeifen, ich zwängte mich soweit wie möglich ins Fenster und sackte Kartoffeln ein. Dann ein Pfiff und ich versuchte wieder aus dem Fenster zu kommen. Das gab aber nach und ich stand mit dem Fenster um den Bauch in der Gegend. Zum Glück konnte ich mich aber schnell wieder befreien und wir machten uns ungesehen mit den Kartoffeln aus dem Staub.

Jeder erhält eine Karte vom Roten Kreuz und kann heim schreiben. Ich schreibe meine 1. Karte am 30. 10. 45 an meine Tante nach Schweidnitz. Von dieser Adresse verspreche ich mir zu Recht das meiste. Im Frühjahr 1946, nach fast 2 Jahren Ungewissheit, bekomme ich die Nachricht, meine Mutter und mein Bruder leben. Welche Freude und Erleichterung! Sie wohnen jetzt in Leipzig bei Familie Dörfer, den Eltern meiner Brieffreundin Immi. Diese mussten, weil sie eine große Wohnung hatten, Flüchtlinge aufnehmen. Um nicht irgendeinen Unbekannten eingewiesen zu bekommen, hatten sie, zum Glück für meine Mutter und meinen Bruder, diese zu sich eingeladen. Beide sind dadurch vom Dresdner Angriff verschont geblieben.

1946 wurde ein Teil unseres Lagers nach Woronesch verlegt. Dieses Lager war größer und fasste etwa 2000 Gefangene. Wahrscheinlich war es einmal eine Kaserne. Hier mussten wir nicht wie in Briansk in einer großen Halle schlafen, sondern hatten Stuben etwa 4×5m groß für je 10 Gefangene. Die Betten übereinander und Strohsäcke. Sogar eine Toilette und einen Waschraum gab es im gleichen Gebäude. Ein ungewohnter Luxus. Leider auch hier Wanzen. In der Mitte des Areals ein extra Gebäude mit Küche und Speisesaal. Angenehm war auch, dass wir nicht mehr jeden Morgen zur Zählung im Hof antreten, und bei Wind und Wetter warten mussten bis die Zählung stimmte. Lediglich beim Ausmarsch zur Arbeit und bei der Rückkehr wurde gezählt. Auch die Krankenstation mit der russischen Ärztin war, wie die Duschräume, mit Briansk nicht vergleichbar. Leider war das Essen aber auch hier nicht besser. Um das Lager wieder ein doppelter Stacheldrahtzaun und Wachtürme in den Ecken. Zwischen den Zäunen ein Drahtseil und an eine Öse mit Seil ein Hund angebunden. Wenn es dem einfiel, rannte er von einer Ecke in die andere. Das damit verbundene Geräusch konnte den Schlaf rauben.

Gebadet wurde alle 1 oder 2 Wochen. Vor dem Duschen mussten wir alle an einer sehr jungen russischen Krankenschwester vorbei marschieren, sie kontrollierte ob unsere Schamhaare auch abrasiert waren. Ob ihr das wohl Spaß gemacht hat?

Zunächst musste ich zu meinem Bedauern leider wieder Sand schaufeln. Doch auch diese Zeit hatte ein Ende und danach kam ich wieder in eine Schlosserei. Der Meister, Stepan Petrowitsch Arlanzow, war etwa 55 Jahre alt und ein liebenswerter Choleriker. Wenn ihm etwas nicht passte flog schon einmal der Hammer durch die Werkstatt und er fluchte fürchterlich, wie nur ein Russe fluchen kann.. Einen Augenblick später aber sagte er: „Los gib mir eine Zigarette lass uns eine rauchen”. Der Zorn verrauchte so schnell wie er gekommen war.

Unsere Brigade bestand aus 10-14 Gefangenen, außerdem arbeiteten noch 2 Russen und 2 Mädchen, die zum Schlosser ausgebildet wurden, in der Werkstatt. Die Mädchen waren uns gegenüber sehr abweisend, wahrscheinlich hatte man ihnen erzählt, wir seien alle Verbrecher, dagegen war die Beziehung zu den Russen ohne Probleme. Wir stellten große elektrische Schaltschränke nach Zeichnungen her. Meine praktische Ausbildung in Breslau verschaffte mir bald eine Vorzugsstellung. Ich arbeitete an der Drehbank, und musste die unterschiedlichsten Arbeiten machen. Dabei lernte ich auch von den Russen, wie man manches improvisieren kann. Sie hatten auf diesem Gebiet viel Erfahrung. Die Lehrlinge sollten als Beweis ihres Könnens eine Metallsäge herstellen. Offensichtlich traute ihnen aber der Alte, wie wir ihn nannten, nicht und er drückte mir die Zeichnung in die Hand. Ich tat mein Bestes. So ging denn meine Arbeit als Beweis für den Ausbildungsstand der Mädchen nach Moskau.

m Lager fand im Speisesaal ein Prozess gegen einen Gefangenen statt, der von einem Zelt ein Stück abgeschnitten hatte um daraus Gamaschen zu machen. Er bekam 25 Jahre Zwangsarbeit als abschreckendes Beispiel.

Auch eine Theatergruppe wurde ins Leben gerufen. So sah ich im Lager zum ersten Mal Schillers „Die Räuber”.

Irgendwann wurde ich „Brigadier”, hatte damit Einfluss auf die Verteilung der Arbeiten und konnte über die Zusammensetzung der Brigade mit entscheiden und mir die geeigneten Kameraden aussuchen.

In Woronesch wurde das in Schkopau bei Halle demontierte Bunawerk wieder aufgebaut. Dieses Werk produzierte auf der Basis von Äthylalkohol künstlichen Kautschuk. Unsere Werkstatt kam auf das Firmengelände, wo wir neben dem Schaltschrankbau auch Elektroinstallationen ausführten.

Ab Mitte 1948 bekamen wir sogar Lohn. Unsere Arbeiten wurden mit einer bestimmten Summe bewertet und diese dann auf jeden, entsprechend seiner Arbeitswertgruppe, aufgeteilt. Von dem Lohn wurden, ich glaube es waren ca. 450 Rubel für Kost und Logis, abgezogen. Nur wer über diese Summe verdiente bekam den darüber liegenden Betrag ausgezahlt. Die Einstufung konnte ich mit dem Alten aushandeln. Um möglichst gut weg zu kommen, und da für unsere Arbeiten nur eine begrenzte Gesamtsumme zur Verfügung stand, stuften wir viele in die niedrigste Gruppe und den Rest in die höchste. Nach der Auszahlung verteilten wir den gesamten Betrag gleichmäßig auf alle. Für dieses Verfahren musste ich meine ganze Autorität einsetzen, manche meinten, sie würden dabei zu kurz kommen. Es war auch nicht in allen Brigaden so üblich. Für das Geld konnten wir Brot, Margarine, Machorka und Zigaretten kaufen. Ich ließ mir von einem Russen ein Deutsch-Russisches und ein Russisch - Englisches Wörterbuch und ebenso Kriminalgeschichten in Englisch von Conan Doyle mit Sherlock Holmes kaufen. So konnte ich meine Englisch-Kenntnisse, etwas umständlich zwar, aber doch ein bisschen, verbessern.

Zu Erntezeiten mussten wir sonntags auf einer Kolchose helfen. Während wir an Wochentagen ständig von Wachtposten begleitet wurden, ging es bei einem solchen Anlass immer ohne. Meistens wurden wir mit einem LKW abgeholt aber nach der Arbeit durften wir alleine in das Lager zurücklaufen. Wenn es irgend ging, nahmen wir natürlich Kartoffeln oder Rüben mit. Wer erwischt wurde, bekam es wieder abgenommen, aber man drückte auch mal ein Auge zu.

Zu den Gefangenen gehörte auch ein Künstler, Professor Teilmann, ein Bildhauer. So gab es im Lager auch einige Kunstwerke, z.B. einen Brunnen im Eingang. In Goslar hat er ein Denkmal für die Heimkehrer gestaltet. Wir fanden es zufällig bei einem Besuch der Stadt auf dem Platz vor der Kaiserpfalz.

Leiter des Antifaschistischen Aktivs war Ludwig Linsert. Wenn wir zur Arbeit marschierten, stand er jeden Morgen am Tor. Bei jeder passenden Gelegenheit, zum Beispiel dem 1. Mai, ermahnte er uns, mehr als notwendig unsere Pflicht zur Wiedergutmachung zu tun und freiwillige Sonderschichten zu fahren. Wir hätten schließlich alles zerstört und wären deshalb gegenüber der Sowjetunion in großer Schuld. Er durfte 1948 als „Bestarbeiter” nach Hause fahren, obwohl er nie einen Handstreich gearbeitet hatte. 1950 hörte ich später daheim im Rundfunk seine Stimme anlässlich der Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Diesmal allerdings mit der Aufforderung, sich von den Arbeitgebern nicht ausbeuten zu lassen. Er war durch die Gewerkschaft sogar zum Bayrischen Senator aufgestiegen. Wieder war ich wütend.

Doch zurück nach Woronesch. Leider habe ich nicht die Gelegenheit genutzt in dieser Zeit ordentlich Russisch zu lernen, aber meine Kenntnisse reichten natürlich zur Verständigung aus. Als ich mich einmal bei dem „Alten” darüber beklagte, dass wir so lange in Russland festgehalten wurden, drehte er sich um, um sicher zu gehen, dass niemand zuhörte und dann sagte er: „ Dudeck was willst du denn, ob du dieses Jahr oder nächstes Jahr oder noch später nach Hause kommst ist doch nicht entscheidend. Du wirst heimkommen das weiß ich und dir wird es einmal gut gehen. Aber ich, ich muss ja hier sterben!” Wie oft habe ich an diesen Satz schon gedacht und bin froh, dass er, was mich betraf, recht hatte.

Am 12. Februar war mein 27. Geburtstag. Meine Kameraden machten mir ein unglaubliches Geschenk. Sie hatten sich einen Silber-Rubel besorgt. Leo Reuter formte aus Wachs einen Ring den er in eine Schamott-Form einbettete. Als diese getrocknet war, wurde sie erhitzt, bis das Wachs völlig verdampfte. Die Form, in einem Rohrstück, hängte er an einen Draht. Nun wurde sie noch einmal erhitzt und mit einem Schweißbrenner der Rubel geschmolzen. Damit sich die Form gut füllte, wurde sie kräftig geschleudert. Nach dem Zerschlagen der Form war der rohe Ring fertig und sie ließen ihn nach einem Entwurf von Professor Theilman mit meinen Initialen gravieren. Ich hatte absolut keine Ahnung und war überwältigt. Der Ring hat die Heimreise überstanden und ich trage ihn nur bei besonderen Anlässen mit Gedanken an meine alten Freunde. Meine Bitte ist, ihn auch nach meinem Tode noch in Ehren zu halten.

Der Aufbau des Werkes geht voran. Wir erleben manchmal, dass unsere Installationsarbeit am nächsten Morgen nicht mehr da ist, sondern über Nacht wieder abgebaut und geklaut wurde. Langsam beginnt man mit den ersten Versuchen, das Werk in Betrieb zu nehmen. Die großen Vorratstanks werden mit reinem Alkohol gefüllt. Natürlich war das für manche Gefangene, die sich im Werk auskannten, eine gute Gelegenheit mit diesem begehrten Stoff einen schwunghaften Handel zu treiben. Aber dadurch, dass der Alkohol durch verunreinigten Rücklauf langsam ungenießbar wurde, hatte auch das ein Ende. Wir waren noch immer kahl geschoren. Ich schrieb an die Kriegsgefangenen Zeitung einen Brief, in dem ich darauf hinwies, dass Heimkehrer mit Glatze ja nicht den besten Eindruck in Deutschland machen würden und dass dies nicht im Interesse Russlands liegen könne. Leider weiß ich nicht wie viel dieser Brief dazu beigetragen hat, aber eines Tages dürfen wir uns wieder die Kopfhaare wachsen lassen.

Im Frühjahr 1949 nach fast 5 Jahren Gefangenschaft gibt es Gerüchte über Lager, die aufgelöst wurden. Ende Mai heißt es ganz unvermittelt: Ein Teil darf heim, ein anderer muss noch bleiben und ein Rest kommt nach Stalingrad. Wir bekommen neue Wattejacken. Das Tor bleibt geschlossen, keine Brigade darf mehr zur Arbeit. Ich hätte mich gern verabschiedet, wie mag unserer „Alter” in mitten der angefangenen Arbeiten wohl reagiert haben? Namen werden aufgerufen. Jeder genannte muss mit seinen wenigen Habseligkeiten sofort heraustreten, dann marschiert die ausgesuchte Kolonne sofort aus dem Lager. Wohin? Alle versuchen an Hand bekannter Kriterien herauszufinden, welche Zukunft den Betreffenden bevorsteht. Wann kommt dein Name? Das Ganze dauert bis in die frühen Morgenstunden. Die spannendste Nacht meines Lebens.

Endlich auch mein Name und der meiner engeren Freunde Hans, Wilfried, Heinz und fast die ganze Brigade. Zurück bleibt Werner Lange, er war Offizier und ich glaube er kam nach Stalingrad. Wir marschieren zum Bahnhof Woronesch. Ich sehe zum ersten mal etwas von der Stadt. Der Güterzug steht schon bereit. In die Wagen ist in halber Höhe eine zweite Liegefläche eingebaut. Wir können uns frei bewegen. Wer wollte auch jetzt noch weglaufen? An der nächsten Straßenecke steht ein Kiosk. Nach 5 Jahren kaufe ich mir zum ersten Mal für die letzen Rubel ein Bier!

Wir rollen der Heimat entgegen. Zwar langsam, aber kommt es auf einen Tag mehr oder weniger jetzt noch an? Trotzdem, ein Rest Misstrauen bleibt bis zum Ende der Fahrt. In Brest, der Grenzstation zu Polen müssen wir wieder aussteigen. Noch einmal eine Durchsuchung: Papiere und Bilder werden abgenommen. Nur nicht noch einmal aufgehalten oder zurückgeschickt werden! Wir können weiter. Im Zug ist keine Toilette. Jeder Stopp muss dafür genutzt werden. Bei einer Bahnstation eilt mein Freund Hans in ein Häuschen dessen hintere Tür fehlt, der Raum scheint leer zu stehen. Er stürzt hinein und steht bis zum Bauch in den stinkenden Fäkalien. Er muss jetzt nicht mehr. Kein Wasser zur Reinigung. Wir lassen ihn nicht mehr in den Wagon. Zum Glück hat der Wagen noch, wie früher viele, ein Bremserhäuschen. Darin kann er auslüften.

Auf der Fahrt durch Polen recken Kinder ihre Fäuste. Ein Zeichen für die Stimmung in Polen.

Endlich, Ankunft in Deutschland, in Frankfurt/Oder. Zunächst müssen wir zu einem Acker und für Russen Kartoffeln ernten. Es folgt die offizielle Entlassung mit Registrierung und Entlassungspapieren. Ich kann meine Mutter verständigen und bin unendlich glücklich.


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