Plötzlich waren die Russen da
Autor: Dieter Wilhelm
Man hatte ja sehr viel Grauenhaftes von den Russeneinmärschen in Ostpreußen gehört. Obwohl vieles nur Propaganda war und uns objektive Berichte nicht zur Verfügung standen , das Abhören von „Feindsendern“ wurde mit Zuchthaus bestraft, ist sicherlich viel vorgefallen. Unsere Eltern waren sehr in Sorge. Zuletzt war der Krieg so nahe, dass wir die Granaten fliegen hörten. Eine schlug unvermittelt ein und tötete eine Passantin, die lag plötzlich ohne Kopf da. Unsere jugendliche Begeisterung für das Kriegsspielen verrauchte ganz schnell. Zunächst wurden die Russen ja noch eine Weile an der Oder aufgehalten. Man hörte vor allem die Abschüsse der sogenannten „Stalinorgeln”, das waren Raketenwerfer mit 49 Schüssen hintereinander, und andere Kriegsgeräusche. Dann kam der Kanonendonner immer näher. Einmal war ich im Garten als ein russischer Tiefflieger anflog. Ich lief Richtung Haus, er schoss auf mich , die Garbe knatterte neben mir in das Gras. Mein Bruder rief vom Haus aus ich solle in Deckung gehen, das wäre dann wohl zu spät gewesen.
In der Nacht, in der die russische Armee zu erwarten war, hatte Vater uns ein Bett unter dem Schreibtisch gemacht und wir schliefen alle in einem Zimmer, mehr konnten wir nicht tun. Die unbestimmte Angst, die jeder hatte, war unbeschreiblich. Auf einmal waren jedenfalls die Russen da. Wir merkten es nur als wir morgens aus dem Fenster sahen und eine russische Kompanie vorbeimarschierte. Die russische Armee war jedoch mit den heftigen Kämpfen in Berlin beschäftigt und musste anschließend nach Prag verlegt werden. Dort waren die Amerikaner vereinbarungsgemäß vor den Toren stehengeblieben um den Russen die “Eroberung” zu überlassen. Prag wurde vorher schon durch die „Wlassow - Armee“ befreit, dies waren russische Überläufer, die in deutschen Uniformen auf deutscher Seite kämpften und dann die Seiten wechselten, das Kriegsende vor Augen. Sie haben sich später auf die Zusage der amerikanischen und englischen Militärs verlassen und ihre Waffen abgegeben, wurden aber doch an die Russen ausgeliefert. Das anschließende Strafgericht sollen nicht viele überlebt haben.
In Berlin ist die Bevölkerung nach den Bombenangriffen durch die ca. eine Woche andauernden Eroberungskämpfe noch zusätzlich hart geprüft worden. Die russischen Offiziere wollten Berlin so schnell wie möglich erobern und haben ihre Soldaten rücksichtslos in die Häuserschluchten gejagt, es hat dreihunderttausend tote Russen und vierzigtausend tote deutsche Soldaten gegeben. Dabei war Berlin eingekesselt und die Russen hätten nur abzuwarten brauchen.
Nachher stellte sich heraus, dass die Rote Armee bis zum Erreichen der Oder schlimm unter der deutschen Zivilbevölkerung gewütet hatte. Es gab sogar ein Gedicht des russischen Dichters Ilja Ehrenburg, welches in jeder Strophe mit: „Tötet den Deutschen” endete. Teile der deutschen SS hatten sich in Russland ähnlich benommen, wie man weiß. Jedenfalls wurde nach Überschreiten der Oder von den russischen Armeeangehörigen Disziplin verlangt und Ausschreitungen wohl auch verfolgt, sofern ein Vorgesetzter da war. Eichwalde bekam einen Kommandanten, der Übergriffe bestrafen ließ. Ich habe selbst gesehen, wie Angehörige der Kommandantur zwei uniformierte plündernde russische Frauen fürchterlich verdroschen. Natürlich konnte der Kommandant nicht überall sein, und er nahm es wohl auch nicht immer so genau. In Berlin selbst muss es ja wesentlich schlimmer zugegangen sein. Dort waren heftige Straßenkämpfe, von denen wir im Vorort nichts mitbekamen. Außerdem berichtete man, dass wohl kaum eine Frau einer Vergewaltigung entgangen sein muss und zu essen gab es auch nichts, auch kein Trinkwasser.
In Eichwalde baute die deutsche Armee kurz vor Einmarsch der Russen mit gefällten Bäumen unter wohl nicht so ganz freiwilliger Hilfe der umliegend wohnenden Zivilbevölkerung im Wald eine große Sperre über die Eisenbahnschienen, damit kein Zug darüber fahren konnte. Eine Woche später sägten unter der Aufsicht der russischen Armee vermutlich die gleichen Leute das Ganze wieder ab und ein erster Militärzug fuhr Richtung Grünau.
Zu uns Kindern waren die Russen immer sehr freundlich, es waren ja teilweise selbst noch Kinder. Die Zeit war allerdings von Willkür geprägt, es gab praktisch keine Ordnungsmacht. Man muss sich das vorstellen: Jeder konnte irgendwo einbrechen, man konnte weder Polizei noch sonst irgendjemand holen und musste sich selbst helfen. Nachbarn hatten ein recht wirkungsvolles Mittel ersonnen: Auf jedem Balkon deponierte man eine Anzahl „Schlagzeuge“, also Topfdeckel usw., mit denen man bei Gefahr einen Höllenlärm machte, in den die Nachbarn dann einfielen. So hat man sich plündernde Russen vom Hals gehalten, und wohl auch einige Mitbürger, welche die Gesetzlosigkeit ausnutzen wollten. Wir hatten in unserem Haus meines Wissens nach nur einmal offizielle Kontrolle durch die Russen. Die Gefahr war, dass man Vaters Auto, ein Opel Super 6, in der Garage entdeckte und beschlagnahmte. Der Wagen hatte allerdings keine Räder, die waren woanders versteckt. Vater hatte einen Kaninchenstall vor das Auto gebaut. Er improvisierte in solchen Fällen immer sehr, und so sah der Stall auch aus. Der kontrollierende Russe warf nur einen Blick auf den Stall und wandte sich ab.
Vater hatte Sorge, was aus seinem Büro in Berlin geworden war. Eine Woche nach dem Einmarsch der Russen in Berlin kapitulierte Deutschland und der Krieg war aus. Bald danach fuhr Vater mit Proviant versehen per Fahrrad los. Es waren etliche Kilometer Fahrt und er hatte Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden, statt Häuser gab es Ruinen und Straßen waren manchmal nicht zu erkennen. Wir machten uns Sorgen, aber nach ein paar Tagen war er wieder da, ein Russe hatte ihm allerdings sein Fahrrad abgenommen und ihm ein schlechteres dafür gegeben
In der Firma war wohl alles soweit in Ordnung. Er erzählte nicht viel, es hat ihn nur erschüttert, dass die toten russischen und deutschen Soldaten immer noch auf den Straßen herumlagen und teilweise von Autos überfahren wurden.
Einige Zeit danach , als schon wieder Züge fuhren, durfte ich einmal mit hereinfahren. In Erinnerung ist mir noch, dass wir in einem Lokal zu Mittag aßen. Es gab eine Art Nudelsuppe, man musste allerdings Salz mitbringen, das gab es noch nicht in ausreichender Menge.
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