Eine Reise nach Israel
Autor: Ingrid Raum
Im Jahr 1992 lernte mein Mann auf dem Frankfurter Flughafen einen jungen israelischen Geschäftsmann kennen, der auf seinen Reisen zwischen seiner Heimat Tel Aviv und Hong Kong und Südafrika immer in Frankfurt zwischenlandete. Die beiden Männer waren sich auf Anhieb sympathisch und mein Mann lud diesen jungen Israeli spontan ein, wenn er wieder einmal in Frankfurt sei, einen Abstecher nach Nürnberg zu machen. Die Stadt war ihm unbekannt und die Schilderung meines Mannes musste so gewesen sein, dass er sich dazu entschloss. Einige Wochen später klingelte bei uns das Telefon, ein Anruf aus Hong Kong – ob es uns passen würde, er sei nächste Woche in Frankfurt und könne 2 Tage nach Nürnberg kommen. Der Besuch kam und dieser junge Mann war so sympathisch, dass auch ich ihn sofort ins Herz schloss und wir mit ihm in den beiden verfügbaren Tagen so viel wie möglich unternahmen, um ihm – Eli – ist sein Name, Nürnberg und Umgebung von der schönsten Seite zu zeigen. Als Eli wieder abfuhr, mussten wir versprechen, ihn im darauffolgenden Jahr in Tel Aviv zu besuchen.
Im April 1993 machten wir unser Versprechen wahr und reisten nach Israel.
Die ersten drei Tage wohnten wir bei unserem Freund Eli. Und da erst ging mir auf, welche „Sünden“ ich begangen hatte, als er bei uns war; denn hier erlebte ich, dass Eli die Fleisch- und Milchspeisen in verschiedenen Töpfen zubereitete und dafür auch unterschiedliches Geschirr hatte. Das hatte ich bei seinem Besuch in Nürnberg aus Unkenntnis nicht berücksichtigt und hätte es auch gar nicht gekonnt, da es bei uns ja keinerlei Unterscheidung in dieser Hinsicht gibt. Als ich mich bei ihm dafür noch nachträglich entschuldigte, beruhigte er mich: dass es den Juden auf Reisen nicht als Unrecht angerechnet würde, wenn sie das nicht berücksichtigen würden. Sollte die Möglichkeit bestehen, koscher zu essen, sollten sie jedoch davon Gebrauch machen.
Die ersten drei Tage verbrachten wir zusammen mit unserem Freund Eli, der mit uns zum Toten Meer fuhr, wo wir in dem stark salzhaltigen Wasser badeten und Zeitung lesender Weise auf dem Wasser lagen, da die Tragkraft des Wassers wirklich extrem groß ist.
Wir machten einen Ausflug in das Naturreservat von Ein-Gedi und waren überrascht über die Pflanzen- und Tiervielfalt dieses Parks. Es handelt sich um eine wunderbare Oase am Rande der Judäischen Wüste, dem tiefsten Punkt der Erde.
Unmittelbar in der Nähe liegt die Festung Masada, von der sich vor ca. 2000 Jahren 960 Männer, Frauen und Kinder in die Tiefe stürzten, um nicht in römische Gefangenschaft zu gelangen.
Ein weiterer Höhepunkt war eine Einladung zu den Eltern Elis nach Be’er Sheva. Die Fahrt dahin wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es war der 18. April und es war der Holocaust Memorial Day. Zur Erinnerung an die sechs Millionen Opfer des Nazi-Regimes erklingt morgens um 10 Uhr eine Sirene und im ganzen Land steht für zwei Minuten alles still. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt auf einer Autobahn und mit dem Ton der Sirene, der auch im Radio übertragen wurde, hielten alle Autos an, die Fahrer und Mitfahrer stiegen aus und blieben in Erinnerung an dieses schreckliche Geschehen zwei Minuten ruhig stehen. Da spricht keiner ein Wort und lange nachdem man sich wieder ins Auto gesetzt hat, hält diese nachdenkliche Stimmung noch an.
Wir besuchten danach noch viele Städte in Israel, wobei uns aber am einprägsamsten der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in Erinnerung blieb. Bei dem Besuch des Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus bleibt wohl kein Mensch unberührt. Diese Gedenkstätte liegt auf dem Berg der Erinnerung in Jerusalem und beherbergt das weltweit größte Dokumentationsarchiv über den Holocaust. Es gibt dort Museen, Archive und Bibliotheken, Forschungs- und Lehrzentren und der Besuch ist eine unter die Haut gehende Sache. Für mich war besonders erschütternd das „Denkmal für die Kinder“. In dem dunklen, unterirdischen Raum werden Kerzen so reflektiert, dass man meint, unter einen Sternenhimmel zu sitzen. In einer endlos langen Reihe werden die Namen und das Alter von Kindern aufgezählt, die verschleppt und ermordet worden sind. Es waren 1,5 Millionen jüdische Kinder! In diesem Bereich bleibt keiner unberührt und manch einem der Besucher stehen Tränen in den Augen. Es ist ein unvergesslicher Besuch. Danach bleibt die Frage: wie war das möglich? Und man kann nicht so schnell wieder zu den Alltäglichkeiten zurückkehren.
Das Hadassah Krankenhaus in Jerusalem mit den berühmten Fenstern von Marc Chagall, die die 12 Stämme Israels darstellen, war auch ein Höhepunkt der Reise.
Zu einem Besuch Israels gehören natürlich auch die biblischen Stätten wie Bethlehem, Nazareth, Kapernaum, Tiberias und eine Fahrt über den See Genezareth.
Eine kleine Erholung von all diesen Eindrücken gönnten wir uns, indem wir einige Tage an den Golf von Aqaba nach Elat fuhren.
Wir haben in den drei Wochen, die wir insgesamt in Israel unterwegs waren keinerlei Ressentiments zu spüren bekommen, nur einmal merkten wir, dass wir nicht willkommen waren, und das war in einer Buchhandlung in Jerusalem, in der wir für unseren Sohn nach einigen Buchtiteln fragten. Die Buchhandlung hatte einen deutschen Namen und als der Buchhändler erkannte, dass es sich bei uns um Deutsche handelte, bediente er uns nicht weiter, sondern bat eine Mitarbeiterin uns weiter zu bedienen. Wir waren natürlich betroffen, haben aber versucht zu verstehen; denn vielleicht hatten er und seine Familie unter den Nationalsozialisten sehr gelitten, so dass es ihm nicht möglich war, mit Menschen aus Deutschland Kontakt zu haben.
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