Hungerjahre

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Autor:  Johannes Malchàrek

Beginnen wir mit den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945. Mein Vater wurde bereits zu Beginn des Krieges zur Wehrmacht eingezogen. Unser Friseurgeschäft wurde anfangs von meiner Mutter und den Angestellten weiter geführt. 1942 war ich 11 Jahre alt. Ich hatte noch 3 Geschwister, 2 Schwestern und einen Bruder. Unsere Heimat war eine Kleinstadt am Rande des Südharzes. Durch das Friseurgeschäft waren wir natürlich überall im Ort bekannt. Auch durch die sportlichen Aktivitäten meines Vaters hatten wir viele Freunde und Bekannte.

Die Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln für den täglichen Bedarf war während dieser Zeit von der Regierung her gesorgt. Um den Mangel an bestimmten Konsumgütern besser verwalten zu können, wurden Berechtigungsscheine für den Bezug von Gütern ausgegeben. Diese Berechtigungsscheine waren auf die Bedürfnisse der Bürger abgestimmt, zum Beispiel für Kinder, für werdende Mütter, für Fronturlauber oder Schwerarbeiter. So gab es Lebensmittelkarten für Brot, Fett, Eier, Fleisch, Zucker, Seifen und Kleider. Damit war die Versorgung der Bürger einigermaßen sicher gestellt, wenn auch auf recht niederem Niveau.

Bei 4 heranwachsenden Kindern ist der Hunger immer riesengroß. Besonders mein ein Jahr älterer Bruder und ich wurden nie richtig satt. So kamen wir auf die absurdesten Ideen, um unseren Hunger zu stillen. Vom Juni an gab es an unseren Straßenbäumen schon reife Früchte wie Kirschen. Später fanden wir in den nicht eingezäunten Gärten Erdbeeren. Auch Möhren, Kohlrabi und junge Erbsen verschmähten wir nicht. Natürlich durften wir uns bei diesen Taten von den Besitzern nicht erwischen lassen, aber da waren wir clever und schnell genug, um solchen berechtigten Nachstellungen zu entgehen.

Unsere Mutter kaufte immer längliche Brote mit einem Gewicht von 1 ½ Kg. Wir hatten in der Küche eine Brotschneidemaschine. Sie stand oben auf dem Küchenschrank und wurde zum Schneiden des Brotes heruntergeholt und am Küchentisch mit einer Flügelschraube befestigt. Wenn wir Jungen wieder Hunger hatten, was bei uns schon Dauerzustand war, nahmen wir das Brot aus der Brotbüchse, und schnitten uns, verbotener Weise, eine Scheibe ab. Wir hatten so große Fertigkeit darin entwickelt, dass unsere Mutter nicht bemerkte, dass das Brot mit einem Messer und nicht mit der Maschine bearbeitet wurde. Irgendwann wurde der unerklärliche Brotschwund doch bemerkt. Von da an brachte unsere Mutter mit einem Messer Markierungen am Brot an, und damit war für uns diese Quelle auch versiegt.

Allzu oft haben die Lebensmittelkarten für Brot und Mehl nicht gereicht. Wenn dann im Herbst das Korn auf den Feldern reif war, wurden die abgeernteten Felder von den Bürgern nach am Boden liegenden Ähren abgesucht. Das war ein mühsames Geschäft mit wenig Ausbeute. So kamen mein Bruder und ich auf eine tolle Idee. Wir warteten nicht, bis die Felder abgeerntet waren, sondern nahmen uns Stoffbeutel und eine Schere, schlichen uns in die Felder, legten uns auf den Rücken und schnitten so die reifen Ähren von den Halmen ab. Das hat sich gelohnt.

Gegenüber meinem Elternhaus befand sich ein großer Bauernhof mit einer Dreschmaschine. Im Herbst wurde dort auch für kleinere Bauern im Lohn gedroschen. Weil die Söhne des Bauern alle während des Krieges zum Militärdienst eingezogen waren, habe ich oft bei dem Bauern geholfen, meist nur für Gotteslohn. Ich durfte mit meinen 13 bis 14 Jahren unter anderen auch die Dreschmaschine bedienen. Das habe ich mir zunutze gemacht. Wenn ein neuer Sack an die Getreidestutzen angebracht werden musste, habe ich in den Sack noch einen kleinen Beutel befestigt. War der voll Körner, dann habe ich den Beutel heimlich beiseite geschafft, und wieder einmal hatte ich das Grundmaterial für ein Brot besorgt.

Wir haben zur Aufbesserung unseres Speiseplans auf dem Hof und im Garten unseres Häuschens Hühner und Kaninchen gehalten. Für die Hühner fällt in einem 6-Personen-Haushalt immer etwas Fressbares ab. Die Kaninchen fütterten wir mit frischem Gras aus den Straßengräben, und für den Winter haben wir aus dem Gras Heu werden lassen. So haben wir immer von den Hühnern Eier und zu den Festtagen zusätzlich Kaninchenbraten gehabt.

Den Rasen unseres Vorgartens haben wir umgegraben und Kartoffeln angepflanzt. In den Furchen der Kartoffelbeete haben wir Buschbohnen wachsen lassen. Im gesamten Garten wurden verschie­dene Gemüse angebaut, Beeren und Rhabarber. In einem angemieteten Feldstreifen hinter unserem Haus haben wir ebenfalls Kartoffeln und Gemüse gezüchtet. Apfel- Kirsch-, Pflaumen- und Birnbäume vervollständigten unsere Selbstversorgung. Trotzdem haben wir immer wieder unstillbaren Hunger gehabt.

Nach 1945 ist mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte sich ein reger Schwarzmarkt entwickelt. Alles was noch irgendeinen Wert darstellte wurde verhökert gegen Nahrungsmittel. Schmuck, Kleider, Schuhe, Werkzeuge, Uhren, Gold und Silber, alles das war bei den Bauern des Umlandes heiß begehrt. So nahm mich eines Tages mein Vater mit in die „Goldene Aue“, der Kornkammer Deutschlands. Mit der Bahn fuhren wir über Nordhausen und Berga-Kelbra nach Sittendorf und Tilleda. Von einem Bauernhof zum anderen zogen wir bettelnd um ein paar Kartoffeln, Kohl oder Möhren. Die erste Frage der Bauern war immer: “Was bieten Sie uns an?“ Aber was kann ein Friseurmeister mit ein paar Kämmen, Zahnbürsten und Hautcremes schon anbieten? Die meisten Bauern haben nur abgewunken und gemeint: „Das haben wir doch alles schon! Haben Sie nicht etwas Wertvolles?“ Am Ende des Tages mussten wir noch froh sein, ein paar Kartoffeln ergattert zu haben. Es war eine bedrückende Erfahrung, die wir an diesem Tag gemacht haben. Es ging zu jener Zeit der Spruch um: >Die Bauern haben schon alles, sie brauchen nur noch Teppiche für ihre Kuhställe!

Eines Tages gingen wir mit unseren Eltern ins Kino. Es wurde der Film gezeigt „Die Drei-Gro­schen-Oper“ von Bertolt Brecht von 1931. Als wir nach der Vorführung wieder nach Hause kamen, hatten wir noch Hunger auf irgendetwas Essbares. Aber wir fanden nichts in der Küche, was nicht schon für die nächsten Tage verplant gewesen wäre. So stiegen mein Vater, mein Bruder und ich in den Keller. Dort waren noch Runkelrüben für die Kaninchen. Wir schälten die Rüben, gaben sie in einen Topf mit Wasser, kochten das ganze und würzten das Gemisch mit Kräutern aus dem Garten. Doch so viel wir auch probierten, es war einfach ungenießbar. Vielleicht haben uns nur die richtigen Gewürze gefehlt, aber es gab ja einfach nichts.

In unserer Kindheit gab es meist noch keine abgepackten Waren. Diese wurden je nach Bedarf und Menge in Papiertüten gefüllt und abgewogen. Wir Jungen hatten nun eine Technik entwickelt, mit der wir beim Schütteln der geschlossenen Tüten feststellen konnten, was sie beinhalteten, ob es Reis, Mehl, Salz, Haferflocken, Erbsen oder Zucker war. So kam eines Tages meine Mutter vom Einkauf zurück, und stellte den vollen Einkaufskorb auf den Küchentisch. Sie verließ die Küche und ging noch einmal auf den Hof hinaus. Diese kurze Zeit nutzte ich, schüttelte jede Tüte aus dem Korb und fand eine Tüte mit Zucker. Schnell, aber vorsichtig, öffnete ich die Falze, und aß einen Esslöffel voll, schnell noch einen und noch einmal einen. Dann schloss ich die Tüte wieder, machte aber einen sauberen Falz mehr, weil ja der Inhalt weniger geworden war. Dann kam schon meine Mutter in die Küche. Sie packte ihren Korb aus. Bei der Zuckertüte stutzte sie uns sagte entsetzt: „Das ist doch kein Pfund Zucker!!!“ Schnell packte sie die Tüte wieder in den Korb und ging noch einmal zu dem Lebensmittel-Geschäft. Dem Besitzer des Ladens war es sehr, sehr peinlich sich so vertan zu haben, besonders weil er ein Sportkamerad meines Vaters war. Sollte ich die Sache aufklären? – Nein, der Hunger war grösser!

Anfangs beschrieb ich, dass es Lebensmittel und anderes nur auf Berechtigungsscheine, den Lebensmittelkarten gab. Es gab nie die Frage: „Darf es ein bischen mehr sein?“ Im Gegenteil, oft wurde unter die Waagen ein Geldstück geklebt, damit die Waage mehr anzeigt, als verkauft wurde. Oder aber die Verkäufer, meist die Eigentümer des Ladens, legten die Ware mit recht viel Schwung auf die Waage, ließen sie nicht auspendeln, und betrogen so ihre Kunden, die Hauptsache war, sie merkten es nicht.

Beim Fleischverkauf wurde bei Bratenverkauf, zum Beispiel 400 Gramm, auf das Gramm genau abgewogen. Was mehr war, wurde abgeschnitten und aufgehoben. Diese Reste, ganz normales Fleisch, aber kleine Stücke, wurden dann als Gulasch verkauft. Das habe ich öfter beobachtet und so entstand bei mir für Gulasch der Begriff >Reste-Essen<. Doch darüber hat sich meine  Mutter immer mächtig aufgeregt: „Gulasch ist kein Reste-Essen“. Es kennzeichnet aber die Not, in der wir in diesen Hungerjahren gelebt haben.

Meine Lehrausbildung 1948 bis 1952 absolvierte ich in einer Maschinenfabrik und Eisengießerei etwa 3 Kilometer außerhalb unseres Wohnortes. Öffentliche Verkehrsmittel gab es damals dorthin noch nicht und Fahrräder konnten wir nur benutzen, wenn Reifen zur Verfügung standen, das war meist nicht der Fall. So legte ich die Strecke eben zu Fuß zurück. Wenn auf den Feldern die Kartoffeln reif waren, grub ich sie unterwegs aus und briet sie in der Mittagspause im Trockenofen für Ölkerne in der Eisengießerei, denn auch Kantinen gab es damals bei uns noch nicht.

 Kartoffeln waren die einzigen Güter, die uns dank der eigenen Ernten, soweit sie gut ausgefallen waren, teilweise noch zur Verfügung standen. So gab es bei uns häufig geriebene Kartoffelsuppe mit Küchenkräutern, wobei die Kartoffeln mit der Schale gerieben und zubereitet wurden. Bei diesen Suppen sagten böse Menschen: >Es schauen mehr Augen hinein, als heraus<. Ja, auch Fett, Butter oder Schmalz waren rare Artikel zu jener Zeit.

Auch Kartoffelpuffer hatten wir sehr oft auf unserem Speiseplan. Die Kartoffeln wurden mit der Schale gerieben und auf der Herdplatte, wir hatten noch einen Kohleherd mit Einlageringen, ohne Fett geröstet. Wenn vorhanden, dann gab es zu den Puffern Sirup.

Den Sirup zu den Kartoffelpuffern oder als Brotaufstrich stellten wir selbst her. Von den Bauern kauften wir zentnerweise Zuckerrüben. Diese wurden gewaschen und fein geschnitzelt. Die Schnitzel wurden erst mit einem Sieb, dann mit einem Tuch ausgepresst. Der dünnflüssige Saft wurde im großen Waschkessel in der Waschküche unter ständigem Rühren und Abschöpfen des Schaumes solange gekocht, bis der Sirup die gewünschte Konsistenz hatte.

Die Rationierung der Lebensmittel mittels Lebensmittelkarten wurde in der BRD 1950 und in der DDR erst 1958 aufgegeben.
Übrigens, von den fast 10 Millionen Care-Paketen, die zwischen 1946 bis 1960 nach Deutschland und Österreich geschickt wurden, haben wir nie etwas zu sehen bekommen!!!  Wer weiß, wo die geblieben sind. Zugegeben, wir waren nicht die Ärmsten der Armen, aber Hunger hatten wir trotzdem.

Wir haben diese schlimme Zeit überlebt, und ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie uns vier Kinder so gut durchgebracht haben, auch wenn es manchmal am Nötigsten gefehlt hatte.

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