Segelflug - Modellbau

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Autor:  Johannes Malchàrek

Ich bin 1931 geboren. Als Heranwachsender habe ich eine ausgezeichnete Schule in einer Kleinstadt am Südharz besucht. Der hervorragende Unterricht beschränkte sich nicht nur auf die Hauptfächer, sondern auch die musischen und handwerklichen Fertigkeiten wurden uns vom Lehrpersonal vermittelt.
So bastelten wir Hampelmänner verschiedener Arten mit der Laubsäge und bunter Bemalung. Es wurden mit der Laubsäge Märchenfiguren als Wandschmuck zum Aufhängen gefertigt.
Verschiedene Weihnachts-Motive wurden mit Buntpapier hinterlegt. Die Fortgeschrittenen unter uns Schülern bauten sogar erzgebirglerische Weihnachts-Pyramiden. Wir wurden unterwiesen im Bau von Kinderlaternen aus Sperrholz und aus Papier, auch wieder mit Buntpapier hinter klebt. Den Höhepunkt aber bildeten Bauten aus verschiedenen Materialien im Maßstab 1:20. Jeder Schüler hatte die freie Wahl. Es wurden nach Original-Vorlagen Schwarzwald-Häuser, typische Alpen-Häuser, Fachwerk-Häuser oder Wochenend- und Forst-Häuser mit feinsten Details gebaut. Diese Arbeiten wurden regelmäßig in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte unserer Stadt ausgestellt.

Anfang des letzten Krieges bekamen wir eine junge Lehrerin im Fach „Zeichnen und Werken“. Diese Lehrerin hat uns Jungen gewaltig imponiert. Sie war Segelfliegerin und startete regelmäßig auf unserem Segelflugplatz, nur einen Steinwurf von unserem Ortsende entfernt. 1933 übernahm das „Nationalsozialistische Fliegerkorps“ (NSFK) den Flugplatz als Segelflugschule. Diese Organisation war überparteilich. SA, SS und NSKK-Angehörige hatten keinen Zutritt zu dieser Gruppe. Ich persönlich hatte als kleiner Junge in meiner Freizeit des öfteren beim Flugbetrieb ausgeholfen. Bei Seglern wie zum Beispiel dem „Spatz B“, der mit der Motorseilwinde gestartet wurde, durfte ich beim Start die Tragfächen ausbalancieren. Bei Starts mit dem Gummiseil am steilen Hang bei Schulgleitern der Reihe „SG 38“ durfte ich das Flugzeug mit den zwei Halteseilen am Heck festhalten. Der Pilot kommandierte die 6 Läufer am Gummiseil mit: „Gehen“, die Läufer zogen das Gummiseil an, dann kam der Befehl „Laufen“, die Läufer spannten das Seil im Laufschritt, bei „Los“ ließ ich hinten die Halteseile los, und der Gleiter schoss nach vorn und erhob sich in die Lüfte. Es war also kein Wunder, daß ich unbedingt in die Segelflieger-HJ eintreten wollte. Dieser Wunsch wurde mir jedoch von meiner Mutter verwehrt mit dem Hinweis, daß die „Luft keine Balken“ hat (mein Vater war damals im Kriegseinsatz in Russland, und konnte dadurch meinen Wunsch nicht unterstützen). Dieses Thema hat sich jedoch durch das Ende des Krieges 1945, und das damit von den Alliierten verbundenem Verbot jeglicher Flugbewegungen in Deutschland bis 1955, erledigt.

Nun zurück zu unserer Lehrerin. Sie gründete für Interessierte Schüler unserer Schule die Gruppe „Segelflug-Modellbau“. In unserem Rathaus wurden uns 2 zusammenhängende Räume als Werkräume zur Verfügung gestellt. Hobelbänke, sämtliche Werkzeuge, alle Materialien und Zubehör, Leisten und Hölzer, Leim und Spannpapier, einfach alles was man zum Modellbau benötigt, wurde uns kostenlos bereitgestellt. Auch eine Dekupiersäge war vorhanden, durfte aber nur von den älteren Jahrgängen meiner Kameraden bedient werden. Es wurde bei der Herstellung der Einzelteile und auch bei der Montage auf akribische, absolute Genauigkeit geachtet. Durch das gemeinsame arbeiten profitierte jeder von jedem. Wir trafen uns ein- bis zweimal in der Woche um unsere Modelle zu erstellen. Jeder baute sein eigenes Modell, je nach Können und Fähigkeiten. Mit jedem erstellten Flugzeug aber wuchsen auch die Ansprüche und die Schwierigkeiten. Der Mittwochnachmittag war tabu, weil dieser Tag von der Obrigkeit dem Dienst in der Hitlerjungend vorbehalten war.

Mein erstes Flugzeug war das Modell „Jungvolk“. Es hatte eine Spannweite von 70 cm. Es bestand aus Holzleisten und dünnen Sperrholzteilen. Balsa-Holz hatten wir damals noch nicht. Es wurde zusammen geleimt, mit Spannpapier versehen und mit Spannlack in Form gebracht. Der Rumpf bestand nur aus dünnen Holzleisten, zu einem Dreieck-Profil geleimt und ebenso mit Spannpapier ummantelt. Die Nase wurde aus einer 4-5 mm dicken Sperrholzplatte  hergestellt. Die Tragfläche wurde mit mehreren Längsleisten gebaut. Die Rippen wurden mit strömungstechnischem Profil ausgearbeitet und mit den Leisten verbunden. Die ganze Tragfläche wurde in einem Stück gefertigt und zur Montage mit zwei Gummibändern auf dem Rumpf fixiert. Ein Drittel der Enden wurden etwa um 20º nach oben abgeknickt. Die Höhen- und Seitenleitwerke bestanden nur aus Holzleisten ohne Profil, die mit Spannpapier verklebt waren. Als Montagehilfe erhielt jeder von uns ein Holzbrett (150 x 40 cm) auf dem die einzelnen Phasen des entstehenden Modells montiert wurden. Bei der Herstellung baugleicher Spanten, Rippen und Holme konnten wir diese mit etwas Feingefühl im Block fertigen, aber das erfordert wirklich absolut sauberes arbeiten. Doch diese Methode spart einiges an Zeit.

Die fertigen Modelle wurden auf dem großen Hof unseres Rathauses eingeflogen. Hierbei konnten noch Feinheiten des Gleichgewichtes sowie der Höhen- und Seitenruder nachgearbeitet werden. Besonders Kopf-oder Hecklastigkeit wurden hier korrigiert. Zum Herbst, wenn die Felder abgeerntet waren, trafen wir uns dann in der Nähe des Segelflugplatzes auf einem Höhenzug. Dort wurde dann eine Flugschau abgehalten. Mein „Jungvolk“ hielt sich ganz tapfer, gewann sogar den Streckenrekord im Handstart, doch wollte es einfach keine Höhe gewinnen. Die ganze Strecke hindurch flog es über alle Hindernisse hinweg in einer Flughöhe von etwa eineinhalb bis zwei Metern Höhe. So flog es über eine Strecke von 1,2 Kilometern. Beim Hochstart verhielt es sich völlig anders, denn durch die kleine Bauart und das leichte Gewicht war es ein Spielball des unberechenbaren Windes, aber es kam immer wieder heil herunter, was man nicht von jedem Modell sagen konnte. Mit den großen Seglern meiner Kameraden konnte mein „Jungvolk“ überhaupt nicht mithalten und verglichen werden.

Die natürliche Folge war, daß ich nach Höherem strebte. Das nächste Flugmodell war dann das „Baby“, ein Segler mit einer Spannweite von 120 cm. Dieses Flugzeug erforderte schon weitaus mehr Arbeit und Können. Die Arbeitsweise aber war die gleiche wie die beim „Jungvolk“. Der Rumpf hatte ein aufwändiges ovales Profil. Höhen- uns Seitenruder waren mit ähnlichem Profil versehen wie die Tragflächen. Schon dadurch war der Arbeitsaufwand wesentlich höher als beim „Jungvolk“. Auch bei diesem Modell hatten die Tragflächen den Knick im letzten Drittel. Natürlich waren die Flugeigenschaften durch seine Größe und sein Gewicht schon wesentlich anders als die beim „Jungvolk“. Ich habe zwar keine Preise mit diesem Modell erzielt, aber die Freude am gelungenen Werk zählte viel mehr. Natürlich habe ich ehrlichen Ehrgeiz, aber ich muß nicht immer der Beste sein, nach dem Motto: Wer an der Spitze steht ist immer noch zu weit hinten!!!

Als nächstes größeres Flugzeug zählte dann die „Rhön“, ein Modell mit einer Spannweite von 152 cm. Dieser Segler war dann mein nächstes Ziel. Schon bei der nächsten Werkstunde begann ich mit den Vorbereitungen und dem Aufbau des neuen Projektes.

Bei unseren Wettbewerben im Herbst traten auch ältere Profis mit ihren selbstgebauten Modellen auf, denen wir nur neidisch zusehen konnten. Es gab zwei Höhepunkte bei der Veranstaltung: Als erstes der Hochstart eines „Nurflügel-Modells“ mit einer Spannweite von 175 cm und hervorragenden Flugeigenschaften. Dieses Flugzeug startete außer Konkurrenz, wurde mit dem Seil gestartet und flog uns einfach auf und davon. Es gab damals ja noch keine Fernsteuerungen. Zum Rücktransport der gelandeten Flugzeuge hatten wir immer ein paar kleine Jungen dabei, die auch gern einmal ein Flugzeug gehabt hätten. Einige mußten teilweise bis zu 3 Kilometer weit laufen, um die Modelle heil zurück zu bringen. Der “Nurflügler“ aber wurde erst einige Tage später dann in etwa 12 Kilometer Entfernung gefunden und dem Besitzer wieder heil zurück gebracht. Der absolute Höhepunkt war dann aber der Start des „Albatros“, ein Hochleistungssegler mit einer Spannweite von 288 cm. An diesem Flugzeug war auffallend der schlanke Rumpf und genau so die schmalen, nach den Enden zu noch schmaler werdenden Flügel (wie beim lebenden Vogel Albatros). Auch dieses Modell wurde mit dem Seil gestartet. Die Flugeigenschaften waren ausgewogen und gutmütig. Das Modell spielte mit der Thermik als wäre es ferngesteuert. Es war so getrimmt, daß es in weiten Schleifen über uns seine Kreise zog.  Auch etwas stärkere Windböen konnten diesem Flugzeug nichts anhaben. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, die Flugschau dieses Modells mit zu erleben. Erst nach geraumer Zeit landete es sicher auf einer Wiese in allernächster Nähe. Dieses Modell war von da an das Höchste, was ich mir für mein Wirken vorstellen konnte, der Traum meines Flugzeugbaues!

Mit dem Bau der „Rhön“ kam ich allerdings nicht sehr weit. Der unselige Krieg ging zu Ende, und damit wurde die Ära „Flugmodellbau“ abrupt abgebrochen. Die Kampftruppen der US-Armee besetzten unser Land. Da mein Elternhaus das letzte Haus in unserer Stadt war, wurde unser Haus sofort beschlagnahmt und zur Festung erklärt. Meine Mutter mit mir und meinen drei Geschwistern wurde unverzüglich  in die benachbarte Villa geführt. Dort mußten wir dann die nächsten 14 Tage mit unseren Nachbarn hausen, bis die Kampftruppen unser Haus wieder freigaben. Im Haus waren nur wenige Sachen beschädigt, 2 Polsterstühle waren aufgeschlitzt und unsere Essvorräte waren total verbraucht. Für mich war allerdings das schlimmste der Verlust meiner beiden Segelflugzeuge, die ich in meinem Zimmer aufbewahrt hatte. Beide Modelle waren irreparabel zerstört. Das war ein schwerer Schlag für mich. Durch die Besatzungszeit, und später durch das neue Regime der DDR, war an ein Neuanfang überhaupt nicht zu denken.

Durch die Wirren der Nachkriegszeit, durch die Diktatur in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, durch meine Flucht von dort nach Westdeutschland und die damit verbundenen Einschränkungen bin ich nie mehr dazu gekommen, den Flugmodellbau neu aufzubauen. Seit Jahren liegt bei mir im Hobbyraum ein Modellbausatz eines Seglers, aber ich konnte mich bis heute nicht dazu aufraffen, den Modellbau wieder aufzunehmen. Ich habe einfach zu viele andere Hobbys (Radiogeräte bauen, musizieren, malen, Bergwandern und Radwandern), die mir kaum noch Zeit für neue Dinge übrig lassen.

So wurde durch die Zeitgeschichte nicht nur ein Paar Segelflugmodelle, sondern auch ein schöner Traum zerstört. Von meiner Sicht aus war nicht alles so schlecht in der Erziehung der Jugendlichen während des 1000-jährigen Reiches, aber es ist Geschichte und wir alle wünschen uns diese Zeit nicht wieder zurück. Man kann die Geschichte auch nicht zurück drehen und die Zeit geht meistens eigene Wege.  -   Aber das Segelfliegen als solches und der Segelflug-Modellbau werden trotzdem immer mein Traum bleiben. Manchmal ist es sogar gut, noch unerfüllte Träume zu haben.

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