Bergerlebnis Zugspitze
Autor: Johannes A. Malchàrek
Von Nürnberg aus kommend, parkten wir unsere Fahrzeuge am Eisstadion in Garmisch-Partenkirchen (710 m). Unser Weg führte uns den Talweg entlang bis nach Grainau und Hammersbach. Unser geplantes Ziel, die Zugspitze, hatten wir dabei immer im Blick. Am gleichnamigen Bach entlang gingen wir durch die berühmte, grandiose Höllentalklamm. Der Weg durch diese Klamm wurde erst durch die Verlegung von elektrischen Leitungen vom ehemaligen Elektrizitätswerg möglich. Durch Sprengung von Stollen, Wegen und Treppen wurde die Klamm erst 1905 für die Bergleute gangbar gemacht. Unterhalb der Knappenhäuser wurde früher in Bergwerken Blei und Molybdän abgebaut. Im Winter ist oft eine Schneehöhe von 70 Metern in der Klamm gestaut, deshalb ist der Durchgang im Winter generell gesperrt. Teilweise müssen Brücken, Treppen und Holzwege vor dem Wintereinbruch abgebaut, und im Frühjahr wieder aufgebaut werden. Selbst im Hochsommer sind meist noch Brücken von Schnee vorhanden, unter denen das Schmelzwasser hervorquillt. Sicherheitshalber sollte man bei dem Durchgang Regenkleidung anziehen. Die Klamm ist etwa 1 km lang. - Weiter gehen wir zur Höllentalanger-Hütte (1.387 m). Nach der Quartiernahme machten wir noch einen Abstecher zu den Knappenhäusern (1.527 m) und zurück.
Am nächsten Morgen begannen wir den Aufstieg zur Zugspitze. Wir erkundigten uns auf der Zugspitze nach den Wetterverhältnissen: In der Nacht hatte es geschneit, doch meinte der Hüttenwirt auf der Zugspitze, dass der Schnee bis zur Mittagszeit geschmolzen sein wird. So begann unsere Besteigung über den Höllentalanger bis zur ersten Steilwand. Mit einer fest montierten Leiter ging es in die Höhe. Gleich anschließend erwartete uns das „Brett“, eine fast senkrechte Wand, die wir auf in den Fels eingelassenen Eisenstiften in etwa 120 Metern Höhe waagerecht querten. Nun ging es weniger steil über Geröll und Latschen hinauf zum Beginn des Höllental-Ferners. Mit Steigeisen versehen gingen wir den Gletscher hinauf bis zur berühmten Randkluft. Dies ist ein tiefer Spalt, der durch abschmelzen des Eises zwischen Gletscher und steiler Felswand entsteht. Dieser Spalt muss durch einen genau gezielten Sprung vom Eis auf den Felsen überwunden werden. Hier geschehen, wenn überhaupt, die häufigsten Unfälle.
Nun beginnt der eigentliche Klettersteig, der nur mit entsprechender Ausrüstung, Brust- und Sitzgurt, sowie Schutzhelm, begangen werden sollte. Der Steig zieht sich an der Ostwand der Riffelköpfe, mit 600 Meter Höhenunterschied, direkt bis zum Gipfelkreuz der Zugspitze (2.962 m). Unterwegs im Klettersteig hatten wir noch einen jungen Mann zu versorgen, der plötzlich einen Schwächeanfall bekam. Mit seiner Braut war er unterwegs, um auf der Zugspitze zu heiraten. Mit genügend Flüssigkeitszufuhr, Zuspruch und tatkräftiger Hilfe sorgten wir weiter für einen sicheren Aufstieg des jungen Paares. Etwa 50 Meter unterhalb des Gipfels hatten wir noch mit Eisglätte zu kämpfen. Die Felsen waren in der Nordwand durch schmelzenden Schnee und wieder gefrierende Nässe rund und unheimlich glatt geworden. Ohne Klettersteigausrüstung wäre ein weiterer Weg Selbstmord gewesen. Nach knapp 9 Stunden hatten wir unser Ziel aber erreicht.
Ich wollte unbedingt einmal auf Deutschlands höchstem Berg, im Münchner Haus, Unterkunftshaus des DAV, Sektion München, übernachten. Was uns hier erwartete, war die schlechteste Unterkunft, die ich je auf einer Alpenvereinshütte erlebt habe. Der Hüttenwirt hatte offensichtlich nur an den vielen Tagesgästen Interesse. Die wurden wie vom Fließband mit Eintopf, Bratwürsten oder Curry-Würsten abgefüttert und waren froh, einmal auf Deutschlands höchstem Berg gewesen zu sein. Doch nicht für die Touristen, die in hellen Scharen diesen Gipfel überfallen, wurde diese Alpenvereinsunterkunft gebaut, sondern hauptsächlich für die Bergsteiger, die in mühevoller Kraxelei diesen Berg erklommen haben. Von den Sprüchen, die der Hüttenwirt im Fernsehen über seine Sorge um die Bergsteiger losließ, die sich eventuell verstiegen hätten, haben wir leider nichts zu spüren bekommen. Das einfachste Bergsteigeressen, Spaghetti mit Tomatensoße, war mit einem Wort miserabel. Die Tomatensoße war eine rosarote Wassersuppe. - Zur Benutzung der Toiletten mussten im Automaten 1 Euro entrichtet werden, dafür war aber kein Toilettenpapier vorhanden. Auch Wasser zum Waschen gab es nicht, da das Wasser mit der Seilbahn vom Schneefernerhaus hochgebracht werden musste. Wir waren also gezwungen, uns am nächsten Morgen, erst ab 8 Uhr, im deutschen Restaurant zu waschen, denn die hatten Wasser. Zur Übernachtung wurde uns ein kaltes Verlies aus Beton, ohne Fenster, unter der Aussichts-Terrasse zugewiesen. Mit einem Wort gesagt: es war die mieseste Hütte, in der wir jemals übernachtet haben.
Ein Lichtblick auf diesem, Deutschlands höchsten Berg war die Hochzeitsfeier des jungen Paares, das wir im Klettersteig begleitet hatten. Die eigentlich Trauung fand aber nicht auf der Zugspitze statt, sondern in der höchst gelegenen Kapelle Deutschlands (2.600 m), auf dem Zugspitzplatt. Danach wurde aber wieder oben im Restaurant gefeiert. Als Helfer in der Not wurden wir Bergsteiger zu den Feierlichkeiten mit eingeladen. 3 Alphornbläser ließen aus ihren langen Instrumenten elementare, sonore, wohltönende Melodien erschallen. In dieser herrlichen, einmaligen Umgebung und zu diesem Anlass war dies ein absoluter Höhepunkt auf der Zugspitze. Zum Übernachten aber mussten die Gäste und auch das Brautpaar wieder hinunter zum Schneefernerhaus. Nur wir paar Bergsteiger blieben über Nacht zurück.
Nach dem Abzug der Touristen und der Festgesellschaft um 18,00 Uhr herrschte hier oben absolute Ruhe. Der Sommerabend war herrlich und die Aussicht bis in die Nacht hinein unbeschreiblich schön. Tief unten im Tal glitzerten die Lampen der Häuser, der Straßen und der Autos. Die Sterne über uns funkelten in nie gekannter Schönheit. - Aber auf diese Aussicht hat der Hüttenwirt, Gott sei Dank, keinen Einfluß !!!
Am nächsten Morgen stiegen wir auf der Südseite der Zugspitze hinunter. Dieser Abstieg entbehrt jede Schönheit. Es ging vorbei an der Knorrhütte (2.051 m), und gleich weiter zur Reintalanger-Hütte (1.370 m). Wir waren noch etwa eine halbe Stunde von der Hütte entfernt, da begann es zu regnen. Doch in dieser Hütte erlebten wir das genaue Gegenteil vom Münchner-Haus. Die Kapazität des Hauses ist ausgelegt für ca. 90 Übernachtungsgäste. Im Laufe des Abends jedoch war die Hütte mit über 150 Gästen total überbelegt. Der Hüttenwirt sorgte mit Übersicht und wohltuender Ruhe irgendwie für alle eine Übernachtungsmöglichkeit. Zugegeben, es waren teilweise Notlager. Auch ich musste mit einer Matratze auf dem Fußboden vorlieb nehmen, doch hat sich der Wirt wirklich um jeden seiner Gäste gekümmert. Sein Küchenteam versorgte inzwischen mit gleichem Eifer die unerwarteten Gäste mit reichlicher und guter Verpflegung. Nur zu seinen üblichen musikalischen Einlagen kam der Wirt an diesem Abend nicht. Aber trotzdem waren alle Bergsteiger des Lobes voll, glücklich und zufrieden.
Der nächste Tag führte uns das Rheintal abwärts, vorbei an Wasserfällen, und auch an der hinteren- und besonders an der noch schöneren vorderen Blauen Gumpe. Diese Gumpen sind Wasseransammlungen, die meist aus Schneefeldern des letzten Winters heraustreten und einen natürlicher Wasserstau bilden. Sie zeichnen sich aus durch das strahlend azurblaue Wasser. Bis zur Bockhütte (1.052 m) waren es etwa 1 ½ Stunden. Hier kann man kurze Einkehr halten, aber nicht übernachten. - Wie vorgesehen, stiegen wir nun einen wunderschönen Weg in vielen Serpentinen hinauf zum Schachenhaus (1.866 m). Wir besichtigten das im maurischen Stil 1872 erbaute Königsschloss von Ludwig II. Wir besichtigten die unteren, für ein Schloss recht bescheidenen Räume. Dann aber staunten wir über die Pracht im Obergeschoss. Ein großer Raum, eingetaucht in märchenhaftes Licht durch farbige Bleiglasfenster, so bietet sich den Blicken der türkische Saal. Neben einem Springbrunnen sehen wir kunstvoll bestickte Textilien, Pfauen und Straussenfedern, vergoldete Schnitzereien, Vasen und vieles mehr. Das Auge mag sich von so viel unwirklicher Schönheit nicht mehr trennen. - Wieder im Freien, gehen wir noch in den botanischen Alpengarten mit seinen vielen Arten seltener Alpenpflanzen. Liebevoll wird dieser von den dortigen Botanikern gehegt und gepflegt, und jedem Interessierten ausführlich erklärt. Es ist eine Nebenstelle des botanischen Gartens von München. - Weiter gingen wir noch zum Aussichtspavillon von unserem „Kini“ hoch über dem Rheintal. Hier hat man einen herrlichen Blick bis zum Zugspitzplatt, bis zur Zugspitze und der Alpspitze. - Im Schachenhaus übernachteten wir bei ausgezeichneter Betreuung und Versorgung.
Der letzte Tag führte uns den Schachenweg hinunter, dann weiter über den Kälbersteig, und als weiteren Höhepunkt unserer Wanderung durch die Partnachklamm. Die Fluten der Partnach zwängen und stürzen sich hier durch ein tief eingeschnittenes Tal. Ein wunderbares Schauspiel der Natur. Unser Ausflug endete im Prinzip an der Olympia-Schanze in Partenkirchen, doch wir gingen noch weiter, einen Wiesenweg an der Bahnstrecke der Zugspitzbahn entlang. Im Blickfeld sahen wir die ganze Silhouette unserer mehrtägigen Wanderung. Die Zugspitze grüßte noch einmal erhaben zu uns herunter. Dann hatten wir unsere Autos am Eisstadion erreicht. Eine 5-Tagestour in den Bergen ging zu Ende und wir werden uns immer wieder gern an die Erlebnisse erinnern.
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