Vater im Krieg, Kinder daheim
Autor: Johannes A. Malchàrek
Im Jahr 1931 wurde ich geboren. Meine Kindheit verlebte ich in einer Kleinstadt im Harz. Ich hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Mein Vater hatte einen sehr guten Handwerksbetrieb mit angeschlossenem Verkaufs-Geschäft. Meine Mutter war gelernte Schneiderin. Seit ihrer Heirat aber war sie nur für uns Kinder da, doch hin und wieder half sie auch im Betrieb meines Vaters aus. Meine Eltern bauten im Jahr 1935 in meinem Heimatort ein Einfamilienhaus, besonders für uns vier Kinder. Für meine Eltern war dies ein Kraftakt und erforderte ihren ganzen Einsatz. Für diese Zeit der Vollbeschäftigung, hatten wir ein Dienstmädchen, später ein Pflichtjahr-Mädchen. Seit 1938 wurden alle Frauen zwischen 18 – 25 Jahren zu einem Pflichtjahr, 12 Monate, zur Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet. Sie sollten für ihre spätere Rolle als Hausfrau vorbereitet werden. Das Pflichtjahr für Mädchen wurde als Pendant zum Reichsarbeitsdienst der männlichen Jugend eingeführt.
Der Reichsarbeitsdienst wurde 1931 als freiwilliger, und ab 1935 als Pflichtdienst durch den ehemaligen Führer des „Stahlhelms“, Konstantin Hierl, als Dienst am deutschen Volk eingeführt (Motto: Mit dem Spaten in der Hand). Der Dienst dauerte anfangs 6 Monate, ab 1941 wurde er auf 12 Monate ausgedehnt. Eingezogen wurden alle männlichen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren. Der Reichsarbeitsdienst sollte die deutsche Jugend zur Volksgemeinschaft, zur richtigen Arbeitsauffassung und zur Achtung vor der Handarbeit erziehen. Dabei wurden gemeinnützige Arbeiten ausgeführt. Dies waren im besonderen Forst- und Kultivierungsarbeiten, Deichbau und Entwässerungsaufgaben, sowie Tätigkeiten in der Landwirtschaft.
Ich erinnere mich, dass wir an einem Sonntag im Jahre 1939 mit einer befreundeten Familie einen Ausflug in den Harz gemacht haben. Wir fuhren mit einem kleinen, dreirädrigen Lieferwagen, wie sie heute noch in Italien anzutreffen sind. Die Ladefläche war mit einer Plane abgedeckt. Unsere Väter saßen im Fond, unsere Mütter und wir Kinder auf der Ladefläche des Wagens. Bei der Rückfahrt, es war inzwischen schon dunkel, hielten wir an einer einsamen Tankstelle an, um das Fahrzeug aufzutanken. Andere Fahrzeuge standen um uns herum. Es herrschte eine seltsam bedrückende Stimmung. Gedämpfte Stimmen drangen zu uns herein. Dann ging die Fahrt weiter. Erst später erfuhren wir, daß der Krieg ausgebrochen sei. Mit 8 Jahren hat man noch keinen Begriff vom Krieg, aber schon am ersten Tag des Krieges wurde das Benzin rationiert, und nur die Anwesenheit von uns Kindern verdankten wir das Auftanken des Wagens.
In der Schule wurde gefeiert. Unser Führer Adolf Hitler ist 50 Jahre alt geworden. Natürlich hatte ich keine Ahnung wer Adolf Hitler ist. Uns wurde gesagt daß er unser Führer ist, aber was ist das schon beim Verstand eines 8-jährigen Jungen? Auch die Tatsache, dass der Platz, wo mein Vater sein Geschäft hatte, „Adolf-Hitler-Platz“ hieß, war nur eine Tatsache, mehr nicht. Wie Naiv ein Kind in diesem Alter ist, besagt noch ein weiteres Beispiel: In der Schule hatten wir also gehört, daß Adolf Hitler 50 Jahre alt geworden ist. Auf dem Heimweg ging ich auch an einem Möbelgeschäft vorbei. In der Auslage eines Schaufensters hing ein silberner Lorbeerkranz mit einer „50“ in der Mitte. Nach dem eben in der Schule gehörten, war mir klar, daß hier der Geburtstag unseres Führers gefeiert wird. – Erst viel, viel später habe ich begriffen, daß dieses Möbelhaus ihr fünfzigstes Firmenjubiläum gefeiert hat, und nichts mit Adolf Hitler zu tun hatte.
Schon Anfang 1940 wurde mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen. Seine militärische Ausbildung erhielt er in Bonn. Sein erster Einsatz erfolgte in Frankreich, doch schon bald wurde er an die Ostfront verlegt. Er war bei der Flugabwehr. Seine Odyssee begann am Schwarzen Meer und verlief am Dnjepr flußaufwärts über Saporoschje, Kiew, Smolensk, dann an der Düna flußabwärts bis nach Riga in Lettland. Einmal im Jahr bekam er für 2 Wochen Fronturlaub (Heimaturlaub).
An einem späten Nachmittag saßen wir vier Kinder und unsere Mutter im Wohnzimmer. Jeder war mit irgendeiner Tätigkeit beschäftigt. Es klingelte an der Haustür. Zu uns kamen in der Regel nur Leute, die wir auch kannten. Hausierer oder ähnliche Individuen gab es in unserer Kleinstadt nicht, es herrschte einfach Ordnung. So sprang meine jüngere Schwester auf, lief zur Tür und öffnete. Schnell kam sie ins Wohnzimmer zurück und rief: „Mutti, draußen steht ein fremder Mann mit einem Bart !“ Der Mann kam aber schon herein, und wir alle waren freudig überrascht: es war unser Vater auf Heimaturlaub. Ein Jahr in Rußland hatte ihn doch so verfremdet, dass meine Schwester mit ihren 7 Jahren ihren Vater nicht mehr erkannte.
2 Jahre später, im Sommer 1942, wurde auf unserem „Adolf-Hitler-Platz“ ein Zeltlager der HJ aufgebaut. Es bestand aus mehreren 12-Mann-Zelten und einem kleineren Offizierszelt. Zur damaligen Zeit war es Pflicht, Mitglied im DJ (Deutsch Jugend) zu sein. Hierin wurden die 10 bis 14-jähringen Jungen zu Jugendgruppen zusammen gefaßt. Im Volksmund wurden sie das „Jungvolk“ genannt und die einzelnen Mitglieder waren die „Pimpfe“. Einige ausgewählte Jungen durften nun in den Sommerferien in den oben erwähnten Zelten übernachten. Nur zur Körperpflege durften wir nach Hause, ansonsten hatten wir Dienst im Zeltlager. Sechs von uns Jungen mußten symbolisch jeweils 2 Stunden lang das Lager bewachen. Wir marschierten im Gleichschritt hinaus zum Schwimmbad, sangen gemeinsam Lieder, befreiten die Parkwege von Unkraut, und wurden mit verschiedenen anderen Tätigkeiten beschäftigt. Genau zu solch einem Zeitpunkt kam mein Vater zu einem Heimaturlaub nach Hause. Nach dem Motto „Dienst ist Dienst“ durfte ich das Lager auch an diesen Tagen nicht verlassen. Das war natürlich schade. Aber wenn ich nun auch vom Besuch meines Vaters nicht viel hatte, war ich damals trotzdem stolz, bei dem Zeltlager dabei sein zu dürfen.
Kurz bevor mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde, hatte er sich noch ein Fässchen Wein von Rüdesheim schicken lassen. Aber meine Eltern kamen nicht mehr dazu, den Wein zu genießen. So wurde das kleine Fass, immerhin 50 Liter, in der Waschküche unseres Hauses schön kühl gelagert. Wir waren 4 Kinder, 2 Mädchen und zwei Jungen. Wer von uns auf die glorreiche Idee kam, an dem Fässchen mal zu naschen, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls sind wir alle 4 zur Waschküche hinunter gegangen. Wir haben das obere Spundloch geöffnet, einen kleinen Schlauch hineingesteckt, und jeder hat einmal ein bischen gesaugt, bis der Wein kam. Es war ein unbekannter Geschmack, aber nicht übel. So haben wir das Spundloch wieder sorgfältig geschlossen, damit niemand etwas von unserer Missetat bemerkte. Bis dahin war soweit alles noch in Ordnung, aber wir waren 4 Kinder, und jeder hat für sich hin und wieder das Bedürfnis gehabt, noch einmal am Schlauch zu saugen. Das ging solange gut, bis eines Tages ein gluckerndes Geräusch zu hören war, und einfach kein Wein mehr herauskam. Jeder für sich hat das still für sich behalten. Dann kam mein Vater zum letzten Fronturlaub heim. Vater und Mutter wollten sich einen gemütlichen Abend machen. Voller Erwartung ging mein Vater hinab in die Waschküche um das Fässchen Wein anzuzapfen. Doch sein Entsetzen war groß, nachdem nur noch ein paar Tröpfchen des guten Saftes zum Vorschein kamen. – Nach peinlichen Verhören mußten wir zugeben, daß wir mal an dem Wein probiert hatten. Aber jeder sagte für sich: „Ich habe doch nur noch mal ein klein bischen probiert“ Wer hat den Rest getrunken? Nun ja, wir waren halt vier Kinder! Aber von uns war es niemand!
Dann war 1945 der Krieg zu Ende. Thüringen wurde von den amerikanischen Truppen besetzt. Durch das Viermächte-Abkommen zogen die Amerikaner bereits Mitte Juli von Thüringen nach dem Westen ab. Sie waren noch nicht einmal aus unserer Stadt heraus, da wurden von der Bevölkerung Transparente aufgerollt mit den Parolen: „Wir begrüßen die Rote Armee als unsere Befreier“. Mein Vater kam glücklicher Weise relativ unversehrt im Herbst 1945 aus der Gefangenschaft zurück nach Hause. Jetzt begann sein Martyrium. Kaum zu Hause angekommen, wurde er bereits verhaftet. Wegen seiner Zugehörigkeit zur SA wurde er immer wieder mehrere Tage in Haft genommen. Normaler weise bin ich morgens immer als erster aufgestanden. Eines Tages kam ich früh in die Küche. Da stand mein Vater mit bloßem Oberkörper, blutend und zerschunden, geschlagen von unseren Befreiern. Mein Vater hat nie ein Wort darüber verloren, aber für mich ist eine Welt zusammen gebrochen. Als 14-Jähriger muß ich meinen eigenen Vater von unseren „Befreiern“ so erniedrigt und gedemütigt sehen. Da wird über die Machenschaften im „Dritten Reich“ der Stab gebrochen. Die Menschenrechtsverletzungen in den Konzentrationslagern, in Buchenwald, Flossenbürg und Dachau wurden aufs schärfste verurteilt, und dann muß ich von diesen Pharisäern hautnah erleben, daß diese Menschen keinen Deut besser sind. Dieses Erlebnis hat mein politisches Denken ausschlaggebend geprägt.
Und heute schickt man wieder deutsche Soldaten in fremde Länder um den Menschen dort zu helfen. Mit Bombern, Granatwerfern und Panzern will man in der Ferne ein Land aufbauen, das diese Hilfe garantiert nicht haben will. In der Präambel unseres Grundgesetzes ist festgelegt vor Gott und den Menschen dem Frieden zu dienen. Nach meinen Erfahrungen habe ich sehr starke Zweifel, ob wir Menschen auf diese Weise auf dem richtigen Weg zum Frieden sind, leider.
Vorbild auch für unser Land wäre das Landlibell von 1511:
Kaiser Maximilian I. befreite die Tiroler vom Kriegsdienst außerhalb ihres Landes mit der Verpflichtung, ihr Land und ihre Leute zu verteidigen.
Das wäre doch erstrebenswert, und im christlichen Sinn.
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