Vater im Krieg, Kinder daheim

Autor:  Johannes A. Malchàrek

Im Jahr 1931 wurde ich geboren. Meine Kindheit verlebte ich in einer Kleinstadt im Harz. Ich hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Mein Vater hatte einen sehr guten Handwerksbetrieb mit angeschlossenem Verkaufs-Geschäft. Meine Mutter war gelernte Schneiderin. Seit ihrer Heirat aber war sie nur für uns Kinder da, doch hin und wieder half sie auch im Betrieb meines Vaters aus. Meine Eltern bauten im Jahr 1935 in meinem Heimatort ein Einfamilienhaus, besonders für uns vier Kinder. Für meine Eltern war dies ein Kraftakt und erforderte ihren ganzen Einsatz. Für diese Zeit der Vollbeschäftigung, hatten wir ein Dienstmädchen, später ein Pflichtjahr-Mädchen. Seit 1938 wurden alle Frauen zwischen 18 – 25 Jahren zu einem Pflichtjahr, 12 Monate, zur Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet. Sie sollten für ihre spätere Rolle als Hausfrau vorbereitet werden. Das Pflichtjahr für Mädchen wurde als Pendant zum Reichsarbeitsdienst der männlichen Jugend eingeführt.

Der Reichsarbeitsdienst wurde 1931 als freiwilliger, und ab 1935 als Pflichtdienst durch den ehemaligen Führer des „Stahlhelms“, Konstantin Hierl, als Dienst am deutschen Volk eingeführt (Motto: Mit dem Spaten in der Hand). Der Dienst dauerte anfangs 6 Monate, ab 1941 wurde er auf 12 Monate ausgedehnt. Eingezogen wurden alle männlichen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren. Der Reichsarbeitsdienst sollte die deutsche Jugend zur Volksgemeinschaft, zur richtigen Arbeitsauffassung und zur Achtung vor der Handarbeit erziehen. Dabei wurden gemeinnützige Arbeiten ausgeführt. Dies waren im besonderen Forst- und Kultivierungsarbeiten, Deichbau und Entwässerungsaufgaben, sowie Tätigkeiten in der Landwirtschaft.

Ich erinnere mich, dass wir an einem Sonntag im Jahre 1939 mit einer befreundeten Familie einen Ausflug in den Harz gemacht haben. Wir fuhren mit einem kleinen, dreirädrigen Lieferwagen, wie sie heute noch in Italien anzutreffen sind. Die Ladefläche war mit einer Plane abgedeckt. Unsere Väter saßen im Fond, unsere Mütter und wir Kinder auf der Ladefläche des Wagens. Bei der Rückfahrt, es war inzwischen schon dunkel, hielten wir an einer einsamen Tankstelle an, um das Fahrzeug aufzutanken. Andere Fahrzeuge standen um uns herum. Es herrschte eine seltsam bedrückende Stimmung. Gedämpfte Stimmen drangen zu uns herein. Dann ging die Fahrt weiter. Erst später erfuhren wir, daß der Krieg ausgebrochen sei. Mit 8 Jahren hat man noch keinen Begriff vom Krieg, aber schon am ersten Tag des Krieges wurde das Benzin rationiert, und nur die Anwesenheit von uns Kindern verdankten wir das Auftanken des Wagens.   

In der Schule wurde gefeiert. Unser Führer Adolf Hitler ist 50 Jahre alt geworden. Natürlich hatte ich keine Ahnung wer Adolf Hitler ist. Uns wurde gesagt daß er unser Führer ist, aber was ist das schon beim Verstand eines 8-jährigen Jungen? Auch die Tatsache, dass der Platz, wo mein Vater sein Geschäft hatte, „Adolf-Hitler-Platz“ hieß, war nur eine Tatsache, mehr nicht. Wie Naiv ein Kind in diesem Alter ist, besagt noch ein weiteres Beispiel: In der Schule hatten wir also gehört, daß Adolf Hitler 50 Jahre alt geworden ist. Auf dem Heimweg ging ich auch an einem Möbelgeschäft vorbei. In der Auslage eines Schaufensters hing ein silberner Lorbeerkranz mit einer „50“ in der Mitte. Nach dem eben in der Schule gehörten, war mir klar, daß hier der Geburtstag unseres Führers gefeiert wird. – Erst viel, viel später habe ich begriffen, daß dieses Möbelhaus ihr fünfzigstes Firmenjubiläum gefeiert hat, und nichts mit Adolf Hitler zu tun hatte.

Schon Anfang 1940 wurde mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen. Seine militärische Ausbildung erhielt er in Bonn. Sein erster Einsatz erfolgte in Frankreich, doch  schon bald wurde er an die Ostfront verlegt. Er war bei der Flugabwehr. Seine Odyssee begann am Schwarzen Meer und verlief am Dnjepr flußaufwärts über Saporoschje, Kiew, Smolensk, dann an der Düna flußabwärts bis nach Riga in Lettland. Einmal im Jahr bekam er für 2 Wochen Fronturlaub (Heimaturlaub).

An einem späten Nachmittag saßen wir vier Kinder und unsere Mutter im Wohnzimmer. Jeder war mit irgendeiner Tätigkeit beschäftigt. Es klingelte an der Haustür. Zu uns kamen in der Regel nur Leute, die wir auch kannten. Hausierer oder ähnliche Individuen gab es in unserer Kleinstadt nicht, es herrschte einfach Ordnung. So sprang meine jüngere Schwester auf, lief zur Tür und öffnete. Schnell kam sie ins Wohnzimmer zurück und rief: „Mutti, draußen steht ein fremder Mann mit einem Bart !“ Der Mann kam aber schon herein, und wir alle waren freudig überrascht: es war unser Vater auf Heimaturlaub. Ein Jahr in Rußland hatte ihn doch so verfremdet, dass meine Schwester mit ihren 7 Jahren ihren Vater nicht mehr erkannte.

2 Jahre später, im Sommer 1942, wurde auf unserem „Adolf-Hitler-Platz“ ein Zeltlager der HJ aufgebaut. Es bestand aus mehreren 12-Mann-Zelten und einem kleineren Offizierszelt. Zur damaligen Zeit war es Pflicht, Mitglied im DJ (Deutsch Jugend) zu sein. Hierin wurden die 10 bis 14-jähringen Jungen zu Jugendgruppen zusammen gefaßt. Im Volksmund wurden sie das „Jungvolk“ genannt und die einzelnen Mitglieder waren die „Pimpfe“. Einige ausgewählte Jungen durften nun in den Sommerferien in den oben erwähnten Zelten übernachten. Nur zur Körperpflege durften wir nach Hause, ansonsten hatten wir Dienst im Zeltlager. Sechs von uns Jungen mußten symbolisch jeweils 2 Stunden lang das Lager bewachen. Wir marschierten im Gleichschritt hinaus zum Schwimmbad, sangen gemeinsam Lieder, befreiten die Parkwege von Unkraut, und wurden mit verschiedenen anderen Tätigkeiten beschäftigt. Genau zu solch einem Zeitpunkt kam mein Vater zu einem Heimaturlaub nach Hause. Nach dem Motto „Dienst ist Dienst“ durfte ich das Lager auch an diesen Tagen nicht verlassen. Das war natürlich schade. Aber wenn ich nun auch vom Besuch meines Vaters nicht viel hatte, war ich damals trotzdem stolz, bei dem Zeltlager dabei sein zu dürfen.

Kurz bevor mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde, hatte er sich noch ein Fässchen Wein von Rüdesheim schicken lassen. Aber meine Eltern kamen nicht mehr dazu, den Wein zu genießen. So wurde das kleine Fass, immerhin 50 Liter, in der Waschküche unseres Hauses schön kühl gelagert. Wir waren 4 Kinder, 2 Mädchen und zwei Jungen. Wer von uns auf die glorreiche Idee kam, an dem Fässchen mal zu naschen, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls sind wir alle 4 zur Waschküche hinunter gegangen. Wir haben das obere Spundloch geöffnet, einen kleinen Schlauch hineingesteckt, und jeder hat einmal ein bischen  gesaugt, bis der Wein kam. Es war ein unbekannter Geschmack, aber nicht übel. So haben wir das Spundloch wieder sorgfältig geschlossen, damit niemand etwas von unserer Missetat bemerkte. Bis dahin war soweit alles noch in Ordnung, aber wir waren 4 Kinder, und jeder hat für sich hin und wieder das Bedürfnis gehabt, noch einmal am Schlauch zu saugen. Das ging solange gut, bis eines Tages ein gluckerndes Geräusch zu hören war, und einfach kein Wein mehr herauskam. Jeder für sich hat das still für sich behalten. Dann kam mein Vater zum letzten Fronturlaub heim. Vater und Mutter wollten sich einen gemütlichen Abend machen. Voller Erwartung ging mein Vater hinab in die Waschküche um das Fässchen Wein anzuzapfen. Doch sein Entsetzen war groß, nachdem nur noch ein paar Tröpfchen des guten Saftes zum Vorschein kamen. – Nach peinlichen Verhören mußten wir zugeben, daß wir mal an dem Wein probiert hatten. Aber jeder sagte für sich: „Ich habe doch nur noch mal ein klein bischen probiert“ Wer hat den Rest getrunken? Nun ja, wir waren halt vier Kinder! Aber von uns war es niemand!

Dann war 1945 der Krieg zu Ende. Thüringen wurde von den amerikanischen Truppen besetzt. Durch das Viermächte-Abkommen zogen die Amerikaner bereits Mitte Juli von Thüringen nach dem Westen ab. Sie waren noch nicht einmal aus unserer Stadt heraus, da wurden von der Bevölkerung Transparente aufgerollt mit den Parolen: „Wir begrüßen die Rote Armee als unsere Befreier“.  Mein Vater kam glücklicher Weise relativ unversehrt im Herbst 1945 aus der Gefangenschaft zurück nach Hause. Jetzt begann sein Martyrium. Kaum zu Hause angekommen, wurde er bereits verhaftet. Wegen seiner Zugehörigkeit zur SA wurde er immer wieder mehrere Tage in Haft genommen. Normaler weise bin ich morgens immer als erster aufgestanden. Eines Tages kam ich früh in die Küche. Da stand mein Vater mit bloßem Oberkörper, blutend und zerschunden, geschlagen von unseren Befreiern. Mein Vater hat nie ein Wort darüber verloren, aber für mich ist eine Welt zusammen gebrochen. Als 14-Jähriger muß ich meinen eigenen Vater von unseren „Befreiern“ so erniedrigt und gedemütigt sehen. Da wird über die Machenschaften im „Dritten Reich“ der Stab gebrochen. Die Menschenrechtsverletzungen in den Konzentrationslagern, in Buchenwald, Flossenbürg und Dachau  wurden aufs schärfste verurteilt, und dann muß ich von diesen Pharisäern hautnah erleben, daß diese Menschen keinen Deut besser sind. Dieses Erlebnis hat mein politisches Denken ausschlaggebend geprägt.

Und heute schickt man wieder deutsche Soldaten in fremde Länder um den Menschen dort zu helfen. Mit Bombern, Granatwerfern und Panzern will man in der Ferne ein Land aufbauen, das diese Hilfe garantiert nicht haben will. In der Präambel unseres Grundgesetzes ist festgelegt vor Gott und den Menschen dem Frieden zu dienen. Nach meinen Erfahrungen habe ich sehr starke Zweifel, ob wir Menschen auf diese Weise auf dem richtigen Weg zum Frieden sind, leider.
Vorbild auch für unser Land wäre das Landlibell von 1511:
Kaiser Maximilian I. befreite die Tiroler vom Kriegsdienst außerhalb ihres Landes mit der Verpflichtung, ihr Land und ihre Leute zu verteidigen.

Das wäre doch erstrebenswert, und im christlichen Sinn.

February 1st, 2012 horst,

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Bergerlebnis Zugspitze

Autor: Johannes A. Malchàrek

Von Nürnberg aus kommend, parkten wir unsere Fahrzeuge am Eisstadion in Garmisch-Partenkirchen (710 m). Unser Weg führte uns den Talweg entlang bis nach Grainau und Hammersbach. Unser geplantes Ziel, die Zugspitze, hatten wir dabei  immer im Blick. Am gleichnamigen Bach entlang gingen wir durch die berühmte, grandiose Höllentalklamm. Der Weg durch diese Klamm wurde erst durch die Verlegung von elektrischen Leitungen vom ehemaligen Elektrizitätswerg möglich. Durch Sprengung von Stollen, Wegen und Treppen wurde die Klamm erst 1905 für die Bergleute gangbar gemacht. Unterhalb der Knappenhäuser wurde früher in Bergwerken Blei und Molybdän abgebaut. Im Winter ist oft eine Schneehöhe von 70 Metern in der Klamm gestaut, deshalb ist der Durchgang im Winter generell gesperrt. Teilweise müssen Brücken, Treppen und Holzwege vor dem Wintereinbruch abgebaut, und im Frühjahr wieder aufgebaut werden. Selbst im Hochsommer sind meist noch Brücken von Schnee vorhanden, unter denen das Schmelzwasser hervorquillt. Sicherheitshalber sollte man bei dem Durchgang Regenkleidung anziehen. Die Klamm ist etwa 1 km lang. - Weiter gehen wir zur Höllentalanger-Hütte (1.387 m). Nach der Quartiernahme machten wir noch einen Abstecher zu den Knappenhäusern (1.527 m) und zurück.

Am nächsten Morgen begannen wir den Aufstieg zur Zugspitze. Wir erkundigten uns auf der Zugspitze nach den Wetterverhältnissen: In der Nacht hatte es geschneit, doch meinte der Hüttenwirt auf der Zugspitze, dass der Schnee bis zur Mittagszeit geschmolzen sein wird. So begann unsere Besteigung über den Höllentalanger bis zur ersten Steilwand. Mit einer fest montierten Leiter ging es in die Höhe. Gleich anschließend erwartete uns das „Brett“, eine fast senkrechte Wand, die wir auf in den Fels eingelassenen Eisenstiften in etwa 120 Metern Höhe waagerecht querten. Nun ging es weniger steil über Geröll und Latschen hinauf zum Beginn des Höllental-Ferners. Mit Steigeisen versehen gingen wir den Gletscher hinauf bis zur berühmten Randkluft. Dies ist ein tiefer Spalt, der durch abschmelzen des Eises zwischen Gletscher und steiler Felswand entsteht. Dieser Spalt muss durch einen genau gezielten Sprung vom Eis auf den Felsen überwunden werden. Hier geschehen, wenn überhaupt,  die häufigsten Unfälle.

Nun beginnt der eigentliche Klettersteig, der nur mit entsprechender Ausrüstung, Brust- und Sitzgurt, sowie Schutzhelm, begangen werden sollte. Der Steig zieht sich an der Ostwand der Riffelköpfe, mit 600 Meter Höhenunterschied, direkt bis zum Gipfelkreuz der Zugspitze (2.962 m). Unterwegs im Klettersteig hatten wir noch einen jungen Mann zu versorgen, der plötzlich einen Schwächeanfall bekam. Mit seiner Braut war er unterwegs, um auf der Zugspitze zu heiraten. Mit genügend Flüssigkeitszufuhr, Zuspruch und tatkräftiger Hilfe sorgten wir weiter für einen sicheren Aufstieg des jungen Paares. Etwa 50 Meter unterhalb des Gipfels hatten wir noch mit Eisglätte zu kämpfen. Die Felsen waren in der Nordwand durch schmelzenden Schnee und wieder gefrierende Nässe rund und unheimlich glatt geworden. Ohne Klettersteigausrüstung wäre ein weiterer Weg Selbstmord gewesen. Nach knapp 9 Stunden hatten wir unser Ziel aber erreicht.

Ich wollte unbedingt einmal auf Deutschlands höchstem Berg, im Münchner Haus, Unterkunftshaus des DAV, Sektion München, übernachten. Was uns hier erwartete, war die schlechteste Unterkunft, die ich je auf einer Alpenvereinshütte erlebt habe. Der Hüttenwirt hatte offensichtlich nur an den vielen Tagesgästen Interesse. Die wurden wie vom Fließband mit Eintopf, Bratwürsten oder Curry-Würsten abgefüttert und waren froh, einmal auf Deutschlands höchstem Berg gewesen zu sein. Doch nicht für die Touristen, die in hellen Scharen diesen Gipfel überfallen, wurde diese Alpenvereinsunterkunft gebaut, sondern hauptsächlich für die Bergsteiger, die in mühevoller Kraxelei diesen Berg erklommen haben. Von den Sprüchen, die der Hüttenwirt im Fernsehen über seine Sorge um die Bergsteiger losließ, die sich eventuell verstiegen hätten, haben wir leider nichts zu spüren bekommen. Das einfachste Bergsteigeressen, Spaghetti mit Tomatensoße, war mit einem Wort miserabel. Die Tomatensoße war eine rosarote Wassersuppe. -  Zur Benutzung der Toiletten mussten im Automaten 1 Euro entrichtet werden, dafür war aber kein Toilettenpapier vorhanden. Auch Wasser zum Waschen gab es nicht, da das Wasser mit der Seilbahn vom Schneefernerhaus hochgebracht werden musste. Wir waren also gezwungen, uns am nächsten Morgen, erst ab 8 Uhr, im deutschen Restaurant zu waschen, denn die hatten Wasser. Zur Übernachtung wurde uns ein kaltes Verlies aus Beton, ohne Fenster, unter der Aussichts-Terrasse zugewiesen. Mit einem Wort gesagt: es war die mieseste Hütte, in der wir jemals übernachtet haben.

Ein Lichtblick auf diesem, Deutschlands höchsten Berg war die Hochzeitsfeier des jungen Paares, das wir im Klettersteig begleitet hatten. Die eigentlich Trauung fand aber nicht auf der Zugspitze statt, sondern in der höchst gelegenen Kapelle Deutschlands (2.600 m), auf dem Zugspitzplatt. Danach wurde aber wieder oben im Restaurant gefeiert. Als Helfer in der Not wurden wir Bergsteiger zu den Feierlichkeiten mit eingeladen. 3 Alphornbläser ließen aus ihren langen Instrumenten elementare, sonore, wohltönende  Melodien erschallen. In dieser herrlichen, einmaligen Umgebung und zu diesem Anlass war dies ein absoluter Höhepunkt auf der Zugspitze. Zum Übernachten aber mussten die Gäste und auch das Brautpaar wieder hinunter zum Schneefernerhaus. Nur wir paar Bergsteiger blieben über Nacht zurück.

Nach dem Abzug der Touristen und der Festgesellschaft um 18,00 Uhr herrschte hier oben absolute Ruhe. Der Sommerabend war herrlich und die Aussicht bis in die Nacht hinein unbeschreiblich schön. Tief unten im Tal glitzerten die Lampen der Häuser, der Straßen und der Autos. Die Sterne über uns funkelten in nie gekannter Schönheit. -  Aber auf diese Aussicht hat der Hüttenwirt, Gott sei Dank, keinen Einfluß !!!    

Am nächsten Morgen stiegen wir auf der Südseite der Zugspitze hinunter. Dieser Abstieg entbehrt jede Schönheit. Es ging vorbei an der Knorrhütte (2.051 m), und gleich weiter zur Reintalanger-Hütte (1.370 m). Wir waren noch etwa eine halbe Stunde von der Hütte entfernt, da begann es zu regnen. Doch in dieser Hütte erlebten wir das genaue Gegenteil vom Münchner-Haus. Die Kapazität des Hauses ist ausgelegt für ca. 90 Übernachtungsgäste. Im Laufe des Abends jedoch war die Hütte mit über 150 Gästen total überbelegt. Der Hüttenwirt sorgte mit Übersicht und wohltuender Ruhe irgendwie für alle eine Übernachtungsmöglichkeit. Zugegeben, es waren teilweise Notlager. Auch ich musste mit einer Matratze auf dem Fußboden vorlieb nehmen, doch hat sich der Wirt wirklich um jeden seiner Gäste gekümmert. Sein Küchenteam versorgte inzwischen mit gleichem Eifer die unerwarteten Gäste mit reichlicher und guter Verpflegung. Nur zu seinen üblichen musikalischen Einlagen kam der Wirt an diesem Abend nicht. Aber trotzdem waren alle Bergsteiger des Lobes voll, glücklich und zufrieden.

Der nächste Tag führte uns das Rheintal abwärts, vorbei an Wasserfällen, und auch an der hinteren- und besonders an der noch schöneren vorderen Blauen Gumpe. Diese Gumpen sind Wasseransammlungen, die meist aus Schneefeldern des letzten Winters heraustreten und einen natürlicher Wasserstau bilden. Sie zeichnen sich aus durch das strahlend azurblaue Wasser. Bis zur Bockhütte (1.052 m) waren es etwa 1 ½ Stunden. Hier kann man kurze Einkehr halten, aber nicht übernachten.  -  Wie vorgesehen, stiegen wir nun einen wunderschönen Weg in vielen Serpentinen hinauf zum Schachenhaus (1.866 m). Wir besichtigten das im maurischen Stil 1872 erbaute Königsschloss von Ludwig II. Wir besichtigten die unteren, für ein Schloss recht bescheidenen Räume. Dann aber staunten wir über die Pracht im Obergeschoss. Ein großer Raum, eingetaucht in märchenhaftes Licht durch farbige Bleiglasfenster, so bietet sich den Blicken der türkische Saal. Neben einem Springbrunnen sehen wir kunstvoll bestickte Textilien, Pfauen und Straussenfedern, vergoldete Schnitzereien, Vasen und vieles mehr. Das Auge mag  sich von so viel unwirklicher Schönheit nicht mehr trennen. -  Wieder im Freien, gehen wir noch in den botanischen Alpengarten mit seinen vielen Arten seltener Alpenpflanzen. Liebevoll wird dieser von den dortigen Botanikern gehegt und gepflegt, und jedem Interessierten ausführlich erklärt. Es ist eine Nebenstelle des botanischen Gartens von München.  -  Weiter gingen wir noch zum Aussichtspavillon von unserem „Kini“ hoch über dem Rheintal. Hier hat man einen herrlichen Blick bis zum Zugspitzplatt, bis zur Zugspitze und der Alpspitze.  -  Im Schachenhaus übernachteten wir bei ausgezeichneter Betreuung und Versorgung.


Der letzte Tag führte uns den Schachenweg hinunter, dann weiter über den Kälbersteig, und als weiteren Höhepunkt unserer Wanderung durch die Partnachklamm. Die Fluten der Partnach zwängen und stürzen sich hier durch ein tief eingeschnittenes Tal. Ein wunderbares Schauspiel der Natur. Unser Ausflug endete im Prinzip an der Olympia-Schanze in Partenkirchen, doch wir gingen noch weiter, einen Wiesenweg an der Bahnstrecke der Zugspitzbahn entlang. Im Blickfeld sahen wir die ganze Silhouette unserer mehrtägigen Wanderung. Die Zugspitze grüßte noch einmal erhaben zu uns herunter. Dann hatten wir unsere Autos am Eisstadion erreicht. Eine 5-Tagestour in den Bergen ging zu Ende und wir werden uns immer wieder gern an die Erlebnisse erinnern.

February 1st, 2012 horst,

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Segelflug - Modellbau

Autor:  Johannes Malchàrek

Ich bin 1931 geboren. Als Heranwachsender habe ich eine ausgezeichnete Schule in einer Kleinstadt am Südharz besucht. Der hervorragende Unterricht beschränkte sich nicht nur auf die Hauptfächer, sondern auch die musischen und handwerklichen Fertigkeiten wurden uns vom Lehrpersonal vermittelt.
So bastelten wir Hampelmänner verschiedener Arten mit der Laubsäge und bunter Bemalung. Es wurden mit der Laubsäge Märchenfiguren als Wandschmuck zum Aufhängen gefertigt. Verschiedene Weihnachts-Motive wurden mit Buntpapier hinterlegt. Die Fortgeschrittenen unter uns Schülern bauten sogar erzgebirglerische Weihnachts-Pyramiden. Wir wurden unterwiesen im Bau von Kinderlaternen aus Sperrholz und aus Papier, auch wieder mit Buntpapier hinter klebt. Den Höhepunkt aber bildeten Bauten aus verschiedenen Materialien im Maßstab 1:20. Jeder Schüler hatte die freie Wahl. Es wurden nach Original-Vorlagen Schwarzwald-Häuser, typische Alpen-Häuser, Fachwerk-Häuser oder Wochenend- und Forst-Häuser mit feinsten Details gebaut. Diese Arbeiten wurden regelmäßig in den Schaufenstern verschiedener Geschäfte unserer Stadt ausgestellt.

Anfang des letzten Krieges bekamen wir eine junge Lehrerin im Fach „Zeichnen und Werken“. Diese Lehrerin hat uns Jungen gewaltig imponiert. Sie war Segelfliegerin und startete regelmäßig auf unserem Segelflugplatz, nur einen Steinwurf von unserem Ortsende entfernt. 1933 übernahm das „Nationalsozialistische Fliegerkorps“ (NSFK) den Flugplatz als Segelflugschule. Diese Organisation war überparteilich. SA, SS und NSKK-Angehörige hatten keinen Zutritt zu dieser Gruppe. Ich persönlich hatte als kleiner Junge in meiner Freizeit des öfteren beim Flugbetrieb ausgeholfen. Bei Seglern wie zum Beispiel dem „Spatz B“, der mit der Motorseilwinde gestartet wurde, durfte ich beim Start die Tragfächen ausbalancieren. Bei Starts mit dem Gummiseil am steilen Hang bei Schulgleitern der Reihe „SG 38“ durfte ich das Flugzeug mit den zwei Halteseilen am Heck festhalten. Der Pilot kommandierte die 6 Läufer am Gummiseil mit: „Gehen“, die Läufer zogen das Gummiseil an, dann kam der Befehl „Laufen“, die Läufer spannten das Seil im Laufschritt, bei „Los“ ließ ich hinten die Halteseile los, und der Gleiter schoss nach vorn und erhob sich in die Lüfte. Es war also kein Wunder, daß ich unbedingt in die Segelflieger-HJ eintreten wollte. Dieser Wunsch wurde mir jedoch von meiner Mutter verwehrt mit dem Hinweis, daß die „Luft keine Balken“ hat (mein Vater war damals im Kriegseinsatz in Russland, und konnte dadurch meinen Wunsch nicht unterstützen). Dieses Thema hat sich jedoch durch das Ende des Krieges 1945, und das damit von den Alliierten verbundenem Verbot jeglicher Flugbewegungen in Deutschland bis 1955, erledigt.

Nun zurück zu unserer Lehrerin. Sie gründete für Interessierte Schüler unserer Schule die Gruppe „Segelflug-Modellbau“. In unserem Rathaus wurden uns 2 zusammenhängende Räume als Werkräume zur Verfügung gestellt. Hobelbänke, sämtliche Werkzeuge, alle Materialien und Zubehör, Leisten und Hölzer, Leim und Spannpapier, einfach alles was man zum Modellbau benötigt, wurde uns kostenlos bereitgestellt. Auch eine Dekupiersäge war vorhanden, durfte aber nur von den älteren Jahrgängen meiner Kameraden bedient werden. Es wurde bei der Herstellung der Einzelteile und auch bei der Montage auf akribische, absolute Genauigkeit geachtet. Durch das gemeinsame arbeiten profitierte jeder von jedem. Wir trafen uns ein- bis zweimal in der Woche um unsere Modelle zu erstellen. Jeder baute sein eigenes Modell, je nach Können und Fähigkeiten. Mit jedem erstellten Flugzeug aber wuchsen auch die Ansprüche und die Schwierigkeiten. Der Mittwochnachmittag war tabu, weil dieser Tag von der Obrigkeit dem Dienst in der Hitlerjungend vorbehalten war.

Mein erstes Flugzeug war das Modell „Jungvolk“. Es hatte eine Spannweite von 70 cm. Es bestand aus Holzleisten und dünnen Sperrholzteilen. Balsa-Holz hatten wir damals noch nicht. Es wurde zusammen geleimt, mit Spannpapier versehen und mit Spannlack in Form gebracht. Der Rumpf bestand nur aus dünnen Holzleisten, zu einem Dreieck-Profil geleimt und ebenso mit Spannpapier ummantelt. Die Nase wurde aus einer 4-5 mm dicken Sperrholzplatte  hergestellt. Die Tragfläche wurde mit mehreren Längsleisten gebaut. Die Rippen wurden mit strömungstechnischem Profil ausgearbeitet und mit den Leisten verbunden. Die ganze Tragfläche wurde in einem Stück gefertigt und zur Montage mit zwei Gummibändern auf dem Rumpf fixiert. Ein Drittel der Enden wurden etwa um 20º nach oben abgeknickt. Die Höhen- und Seitenleitwerke bestanden nur aus Holzleisten ohne Profil, die mit Spannpapier verklebt waren. Als Montagehilfe erhielt jeder von uns ein Holzbrett (150 x 40 cm) auf dem die einzelnen Phasen des entstehenden Modells montiert wurden. Bei der Herstellung baugleicher Spanten, Rippen und Holme konnten wir diese mit etwas Feingefühl im Block fertigen, aber das erfordert wirklich absolut sauberes arbeiten. Doch diese Methode spart einiges an Zeit.

Die fertigen Modelle wurden auf dem großen Hof unseres Rathauses eingeflogen. Hierbei konnten noch Feinheiten des Gleichgewichtes sowie der Höhen- und Seitenruder nachgearbeitet werden. Besonders Kopf-oder Hecklastigkeit wurden hier korrigiert. Zum Herbst, wenn die Felder abgeerntet waren, trafen wir uns dann in der Nähe des Segelflugplatzes auf einem Höhenzug. Dort wurde dann eine Flugschau abgehalten. Mein „Jungvolk“ hielt sich ganz tapfer, gewann sogar den Streckenrekord im Handstart, doch wollte es einfach keine Höhe gewinnen. Die ganze Strecke hindurch flog es über alle Hindernisse hinweg in einer Flughöhe von etwa eineinhalb bis zwei Metern Höhe. So flog es über eine Strecke von 1,2 Kilometern. Beim Hochstart verhielt es sich völlig anders, denn durch die kleine Bauart und das leichte Gewicht war es ein Spielball des unberechenbaren Windes, aber es kam immer wieder heil herunter, was man nicht von jedem Modell sagen konnte. Mit den großen Seglern meiner Kameraden konnte mein „Jungvolk“ überhaupt nicht mithalten und verglichen werden.

Die natürliche Folge war, daß ich nach Höherem strebte. Das nächste Flugmodell war dann das „Baby“, ein Segler mit einer Spannweite von 120 cm. Dieses Flugzeug erforderte schon weitaus mehr Arbeit und Können. Die Arbeitsweise aber war die gleiche wie die beim „Jungvolk“. Der Rumpf hatte ein aufwändiges ovales Profil. Höhen- uns Seitenruder waren mit ähnlichem Profil versehen wie die Tragflächen. Schon dadurch war der Arbeitsaufwand wesentlich höher als beim „Jungvolk“. Auch bei diesem Modell hatten die Tragflächen den Knick im letzten Drittel. Natürlich waren die Flugeigenschaften durch seine Größe und sein Gewicht schon wesentlich anders als die beim „Jungvolk“. Ich habe zwar keine Preise mit diesem Modell erzielt, aber die Freude am gelungenen Werk zählte viel mehr. Natürlich habe ich ehrlichen Ehrgeiz, aber ich muß nicht immer der Beste sein, nach dem Motto: Wer an der Spitze steht ist immer noch zu weit hinten!!!

Als nächstes größeres Flugzeug zählte dann die „Rhön“, ein Modell mit einer Spannweite von 152 cm. Dieser Segler war dann mein nächstes Ziel. Schon bei der nächsten Werkstunde begann ich mit den Vorbereitungen und dem Aufbau des neuen Projektes.

Bei unseren Wettbewerben im Herbst traten auch ältere Profis mit ihren selbstgebauten Modellen auf, denen wir nur neidisch zusehen konnten. Es gab zwei Höhepunkte bei der Veranstaltung: Als erstes der Hochstart eines „Nurflügel-Modells“ mit einer Spannweite von 175 cm und hervorragenden Flugeigenschaften. Dieses Flugzeug startete außer Konkurrenz, wurde mit dem Seil gestartet und flog uns einfach auf und davon. Es gab damals ja noch keine Fernsteuerungen. Zum Rücktransport der gelandeten Flugzeuge hatten wir immer ein paar kleine Jungen dabei, die auch gern einmal ein Flugzeug gehabt hätten. Einige mußten teilweise bis zu 3 Kilometer weit laufen, um die Modelle heil zurück zu bringen. Der “Nurflügler“ aber wurde erst einige Tage später dann in etwa 12 Kilometer Entfernung gefunden und dem Besitzer wieder heil zurück gebracht. Der absolute Höhepunkt war dann aber der Start des „Albatros“, ein Hochleistungssegler mit einer Spannweite von 288 cm. An diesem Flugzeug war auffallend der schlanke Rumpf und genau so die schmalen, nach den Enden zu noch schmaler werdenden Flügel (wie beim lebenden Vogel Albatros). Auch dieses Modell wurde mit dem Seil gestartet. Die Flugeigenschaften waren ausgewogen und gutmütig. Das Modell spielte mit der Thermik als wäre es ferngesteuert. Es war so getrimmt, daß es in weiten Schleifen über uns seine Kreise zog.  Auch etwas stärkere Windböen konnten diesem Flugzeug nichts anhaben. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, die Flugschau dieses Modells mit zu erleben. Erst nach geraumer Zeit landete es sicher auf einer Wiese in allernächster Nähe. Dieses Modell war von da an das Höchste, was ich mir für mein Wirken vorstellen konnte, der Traum meines Flugzeugbaues!

Mit dem Bau der „Rhön“ kam ich allerdings nicht sehr weit. Der unselige Krieg ging zu Ende, und damit wurde die Ära „Flugmodellbau“ abrupt abgebrochen. Die Kampftruppen der US-Armee besetzten unser Land. Da mein Elternhaus das letzte Haus in unserer Stadt war, wurde unser Haus sofort beschlagnahmt und zur Festung erklärt. Meine Mutter mit mir und meinen drei Geschwistern wurde unverzüglich  in die benachbarte Villa geführt. Dort mußten wir dann die nächsten 14 Tage mit unseren Nachbarn hausen, bis die Kampftruppen unser Haus wieder freigaben. Im Haus waren nur wenige Sachen beschädigt, 2 Polsterstühle waren aufgeschlitzt und unsere Essvorräte waren total verbraucht. Für mich war allerdings das schlimmste der Verlust meiner beiden Segelflugzeuge, die ich in meinem Zimmer aufbewahrt hatte. Beide Modelle waren irreparabel zerstört. Das war ein schwerer Schlag für mich. Durch die Besatzungszeit, und später durch das neue Regime der DDR, war an ein Neuanfang überhaupt nicht zu denken.

Durch die Wirren der Nachkriegszeit, durch die Diktatur in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, durch meine Flucht von dort nach Westdeutschland und die damit verbundenen Einschränkungen bin ich nie mehr dazu gekommen, den Flugmodellbau neu aufzubauen. Seit Jahren liegt bei mir im Hobbyraum ein Modellbausatz eines Seglers, aber ich konnte mich bis heute nicht dazu aufraffen, den Modellbau wieder aufzunehmen. Ich habe einfach zu viele andere Hobbys (Radiogeräte bauen, musizieren, malen, Bergwandern und Radwandern), die mir kaum noch Zeit für neue Dinge übrig lassen.

So wurde durch die Zeitgeschichte nicht nur ein Paar Segelflugmodelle, sondern auch ein schöner Traum zerstört. Von meiner Sicht aus war nicht alles so schlecht in der Erziehung der Jugendlichen während des 1000-jährigen Reiches, aber es ist Geschichte und wir alle wünschen uns diese Zeit nicht wieder zurück. Man kann die Geschichte auch nicht zurück drehen und die Zeit geht meistens eigene Wege.  -   Aber das Segelfliegen als solches und der Segelflug-Modellbau werden trotzdem immer mein Traum bleiben. Manchmal ist es sogar gut, noch unerfüllte Träume zu haben.

February 1st, 2012 horst,

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Wohnungsnot

Autor:  Johannes Malchàrek

Es war im Jahr 1953 in der DDR (Deutsche Demokratische Republik). Das Großdeutsche Reich wurde 1945 in englische, französische, amerikanische und russische Besatzungszonen aufgeteilt. Unter der russischen Leitung wurde nur die DDR durch den Kommunismus diktatorisch geführt. Ich war damals 21 Jahre alt. Beharrlich weigerte ich mich, in die politische Organisation der FDJ (Freie Deutsche Jugend) oder in die VP (Volks-Polizei) einzutreten. Ich wurde in den letzten Tagen wegen meiner politischen- und besonders meiner religiösen Gesinnung laufend Verhören unterzogen und musste mit weiteren Sanktionen der Kommunisten rechnen. Der Druck war letztlich so groß, dass ich aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete und am 12. Mai 1953 die westdeutschen Behörden um politisches Asyl ersuchte. Das Notaufnahme-Verfahren dauerte bis zum September des gleichen Jahres. Ich erhielt den Status als anerkannter politischer Flüchtling. Ich erhielt den (Flüchtlingsausweis „C“) mit der unbeschränkten Aufenthaltsgenehmigung in der Bundes-Republik Deutschland. Meine Eltern und Geschwister, überhaupt meine gesamte Verwandtschaft lebte in der DDR. Somit war ich in hier in der BRD völlig allein und auf mich angewiesen. Aus dem gut behüteten Elternhaus herausgerissen, war dieser Schritt ein gewaltiger Einschnitt in mein Leben.

Ich wusste zunächst nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Die Behörden haben ja nicht auf mich gewartet. Es waren hunderte Flüchtlinge jeden Monat, die das verhasste  kommunistische Land DDR verlassen haben. In dieser Zeit der Ungewissheit war ich im ehemaligen Konzentrationslager Sandbostel - in der Lüneburger Heide -, im Auffanglager Stuttgart-Stammheim und im Jugendheim Ludwigsburg-Eglosheim untergebracht.

Als ich im Frühjahr 1954 aus dem Jugendheim entlassen wurde, war ich gezwungen mir eine andere Bleibe zu suchen. Man muss das Hintergrundwissen haben, um zu ermessen, wie schwierig es zu dieser Zeit war ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Die deutschen Städte waren von den Bombern der Alliierten in Schutt und Asche gelegt worden. Nur noch wenige Häuser waren intakt und bewohnbar. Aus den deutschen Ostgebieten kamen Millionen von Flüchtlingen und Vertriebene. Alle Menschen brauchten Unterkünfte. Baracken wurden an den Stadträndern errichtet. Wasser wurde aus Brunnen gepumpt, Toiletten und Waschräume wurden von vielen Menschen gemeinsam genutzt. Ansprüche an mehr Komfort zu stellen war ein Unding, im Gegenteil, alle Menschen, die hier eine provisorische Bleibe gefunden hatten, waren dankbar und griffen bei gemeinsamen Arbeiten beherzt zu. Die wenigen, die ihre Wohnungen oder Häuser nicht verloren hatten, wurden von den Behörden gezwungen, Flüchtlinge und Wohnungslose aufzunehmen. Räume und Wohnungen wurden einfach beschlagnahmt und den Flüchtlingen zugewiesen. Die Beamten der Wohnungsämter hatten das alleinige Recht, Wohnungen und Zimmer an Bedürftige zu vergeben. Motto: Eigentum verpflichtet!!!

Ich stellte beim Wohnungsamt in Stuttgart den Antrag für ein möbliertes Zimmer. Zu meiner Überraschung erhielt ich schon im April 1954 ein Mansardenzimmer innerhalb einer Dreizimmerwohnung in der Ameisenbergstrasse zugewiesen. Mieter der Wohnung war ein älteres Ehepaar. In der Wohnung durfte nur geflüstert werden. Selbst Streitigkeiten der Eheleute wurden im Flüsterton ausgetragen. Innerhalb der Wohnung gab es ein Bad mit Waschbecken und Sitzbadewanne. Das Waschbecken und die Toilette durfte ich notgedrungen benutzen, aber auf keinen Fall die Badewanne.

Für meine Fortbildung musste ich viel lernen und technische Zeichnungen anfertigen. Dazu aber war die eine Leuchtquelle an der Zimmerdecke mit 25 Watt einfach zu gering. Ich wagte es, diese Lampe gegen eine 100 Watt-Birne auszutauschen. Das hätte ich nicht tun dürfen. Ich musste die 100 Watt wieder gegen die 20 Watt-Birne austauschen. Und für die 3 Tage helles Licht hatte ich noch einmal DM 5,– extra zu zahlen. Die monatliche Zimmermiete betrug DM 45,- bei einem Monatsgehalt von DM 250,–. Damenbesuch war natürlich strengstens untersagt, das verbot allein schon die damals herrschende Moral.  Auch andere Besuche waren von meinen Vermietern unerwünscht, die könnten ja eventuell die Toilette und das Waschbecken kostenlos benützen! Hiermit will ich sagen: Man war in seiner persönlichen Freiheit sehr, sehr eingeschränkt.

Das allgemeine Leben in Stuttgart verlief bereits wieder in geordneten Bahnen, wenn die Wohnungsnot nicht gewesen wäre. Es gab noch viele freie Flächen in der Stadt, durch Bomben zerstörte Häuser. Überall auf diesen Trümmergrundstücken wurden luftgetrocknete Ziegel hergestellt, sogenannte Hohlblockziegel. Mit diesen wurden schnellstens wieder neue Häuser aufgebaut. Durch die Bauweise mit den Hohlblockziegeln waren diese Wohnungen zwar relativ schnell aufgebaut, dabei aber unwahrscheinlich hellhörig. Um die Finanzierung dieser neuen Häuser zu sichern, verlangte man von den potenziellen Mietern einen „Baukostenzuschuß“. Dieser bewegte sich, der Wohnungsgröße entsprechend, zwischen Zwei- und Zehntausend DM. Es gab den normalen Baukostenzuschuß und den verlorenen. Der Verlorene wurde wie ein Geschenk behandelt, der Normale wurde in monatlichen Raten vom Mietpreis abgezogen und rückerstattet.

Wenn man durch die Straßen ging, schien die Welt schon wieder in Ordnung zu sein. Der Krieg war vergessen und die Geschäfte waren voller wunderschöner Waren. Das Angebot war groß, doch die Nachfrage ließ noch viele Wünsche offen. Nur das Notwendigste wurde erst einmal erworben. Das Überleben war wichtiger, als ein nicht benötigter Luxus. Rechts und links der Einkaufsstraßen waren Geschäfte, die ihre Waren anboten. Doch richtete man seinen Blick nach oben, so sah man erst das Provisorium der Nachkriegszeit. Nur das Erdgeschoß blendete den Besucher mit dargebotenen Waren, doch die ehemaligen oberen Stockwerke waren den Bomben zum Opfer gefallen. Aus den noch stehenden Ruinen wuchsen Gräser und Bäume, dazwischen immer wieder Trümmergrundstücke. Selbst heute noch, 66 Jahre nach Kriegsende, sieht man in den Städten immer wieder noch nicht wieder bebaute, zerbombte Grundstücke. 

Sämtliche Hausbesitzer in Deutschland, die noch bewohnbare Häuser ihr Eigen nannten, wurden von den Behörden gezwungen, auf ihre auch schuldenfreien Häuser und Grundstücke Hypotheken aufzunehmen. Die hiermit gewonnenen Gelder wurden zum „Lastenausgleich“ für die Ausgebombten, aus dem Osten Vertriebenen und Flüchtlinge verwendet. Jeder dieser Berechtigten musste den Nachweis der Berechtigung erbringen, was oftmals bei den heimatvertriebenen aus  Polen und Tschechien sehr schwer war. Über den Lastenausgleich war es diesen Menschen möglich, zinsgünstige Darlehen von den Banken zu bekommen. Die Konditionen waren 0,5 % Zinsen bei einer Tilgungsrate von 1 %. Diese Darlehen waren die ersten 5 Jahre Tilgungs- und Zinsfrei. 

Schon am nächsten Sonntag, nachdem ich mein Zimmer in der Ameisenbergstrasse bezogen hatte, bekam ich Kontakt zu einem Jugendchor der katholischen Kirche St. Nikolaus. Es waren gleichaltrige Jungen und Mädchen, die meist noch im Elternhaus lebten. Nur ein Mädchen wohnte, ähnlich wie ich, in einem winzigen Mansardenzimmer einer Architekten-Villa. Alle 4 Mansardenzimmer der Villa waren zwangsweise an Untermieter vermietet. Es ergab sich einfach so, dass wir uns näher kamen. Unsere Arbeitsstellen lagen etwa auf gleichem Weg. So holte ich das Mädchen morgens auf dem Weg zu unseren Büros ab. Abends gingen wir gemeinsam zum Essen. So verbrachten wir bis zum Schlafengehen die meiste Zeit miteinander. Es blieb nicht aus, dass wir uns in der Zwischenzeit verliebten. Bereits im August des gleichen Jahres verlobten wir uns. Der Hochzeitstermin wurde auch gleich auf Mitte November festgelegt.

Schon die Tatsache allein, dass ich eine Freundin hatte, und dementsprechend selten in meinem Zimmer war, genügte meinen Vermietern, das Zimmer zum nächsten Monat zu kündigen. Es war unmöglich, so schnell eine neue Bleibe zu finden. Die Jugendherberge in Stuttgart war überfüllt, andere kirchliche Einrichtungen ebenso. Doch wieder half mir ein Glücksfall: Der zukünftige Schwager meiner Braut (der Freund ihrer jüngeren Schwester), bewohnte auch ein Zimmer in der Weststadt von Stuttgart. Nach vielem hin und her und einigen Zugeständnissen, durfte ich bei ihm im Zimmer nächtigen, aber wirklich nur nächtigen.

Nun stellte sich die nächste Frage: Wo sollen wir, wenn wir verheiratet sind, wohnen. Im Zimmer meiner Braut war kaum Platz für eine Person, mein Zimmer war mir gekündigt worden, und beim Wohnungsamt liefen wir in der Warteliste unter einer Nummer im 5-stelligen Bereich. Ein Paar aus unserem Bekanntenkreis hatte in einem Haus auf dem Dachboden unter den losen Dachziegeln in zwei Bretterverschlägen Unterkunft gefunden. Die Holzlatten hatten sie, zum Sichtschutz, mit Pappe vernagelt. Heizung: keine. Waschgelegenheit und Toilette in der Wohnung des Hausbesitzers. Das waren die Voraussetzungen der damaligen Zeit.

Wie ich oben schon erwähnte wurden zwar Häuser und Wohnungen gebaut, aber wer bekam sie? Wurden die Wohnungen mit öffentlichen Geldern errichtet, dann hatten die Beamten des Wohnungsamtes das Recht der Verteilung. Die Warteliste meiner Berechtigungsnummer lag im 5-stelligen Bereich!!! Wohnungen, die mit privaten Mitteln erbaut wurden waren vom Mietpreis, und mit der Forderung nach einem Baukostenzuschuss einfach unerschwinglich.

Nun fiel mir ein, dass ich ja den Flüchtlingsausweis „C“ hatte, der mir zu einem zinsgünstigen Kredit verhelfen könnte. Die Beamten des Ausgleichsamtes machten mir auch gleich Hoffnung auf einen bedeutenden Zuschuss. Natürlich musste ich nun einige Antrags-Formulare ausfüllen. Hiermit begann eine ausgesprochene Odyssee. Jeden Donnerstag nahm ich mir im Büro eine Stunde frei, um beim Ausgleichsamt wieder nachzufragen.

Nach einer intensiven Suche fanden wir eine Wohnung ganz in der Nähe unserer jetzigen Behausung. Auf den Grundmauern zweier zerbombter Häuser wurde nun ein gemeinsames Haus errichtet. In diesem Haus wurde im Kellergeschoß eine 2-Zimmer-Wohnung errichtet. Neben der Holzlege und der Waschküche war der Eingang zur Wohnung. Sie besaß eine Toilette, ohne Fenster, ein Wohnzimmer und anschließend durch dieses ein Schlafzimmer. Als Küche diente ein ehemaliger Flur - 1,3 Meter breit und 4 Meter lang. An der Schmalseite stand uns ein Waschbecken zur Körperpflege zur Verfügung. Im Wohnzimmer war Platz für einen Kohleofen und in die „Küche“ stellten wir einen kombinierten Kohle-Gas-Herd. Mietpreis dieser Wohnung monatlich DM 110,– bei einem Monatsgehalt von DM 250,–. (Und in dieser beschränkten Umgebung haben wir zwei gesunde Kinder groß gezogen).

Der Haken bei der Geschichte war, dass der Hauseigentümer einen Baukostenzuschuß in Höhe von DM 2.500,– haben wollte. Bei einem Monatssalär von DM 250,– war das einfach unmöglich privat zu zahlen. Aber da war ja noch das Ausgleichsamt. Bei der nächsten Vorsprache dort zeigte ich den Beamten die Pläne, und bekam auch die Zusage zu dem Kredit. Vorläufig blieb es aber nur bei der Zusage. Später erfuhr ich, dass sich die Zusage nur auf den Anspruch auf einen Kredit bezieht. Den Kredit zu bekommen ist wieder etwas ganz anderes. Jeden Donnerstag war ich nun Stammgast beim Ausgleichsamt.  Ein großes Lob und „Dankeschön“ im Nachhinein an meinen damaligen Arbeitgeber, der mir diese Freizügigkeit ohne Murren gewährt hat.

Den Mietvertrag hatten wir, auf Grund der Zusage beim Ausgleichsamt bereits unterschrieben. Doch der Hauseigentümer drängte nun seinerseits auf die Zahlung des Baukostenzuschusses. Die freundlichen Beamten des Ausgleichsamtes vertrösteten mich von einem Donnerstag auf den nächsten. Der Hauseigentümer wurde sehr ungeduldig. Meine Verwandtschaft lebte in der DDR und konnte mir nicht helfen. Zum Glück aber hatte meine Frau, wir waren in der Zwischenzeit verheiratet, einen Onkel, und der lieh uns das Geld, ohne Auflagen, aber nur für kurze Zeit.

Damit hatten wir zwar den Baukostenzuschuß bezahlt, aber wir mussten das Geld ja wieder auf Heller und Pfennig dem Onkel zurückzahlen. Jeden Donnerstag erfolgte erneut der Gang zum Ausgleichsamt. Aber man glaubt wirklich nicht, wie erfinderisch in Ausreden und Verzögerungen Beamte sein können.

Nun hatte ich wieder einmal Glück. Der Leiter des Jugendheimes in Ludwigsburg wurde zum Ausgleichsamt nach Stuttgart versetzt. Als Sprecher der Gemeinschaft hatte ich mit ihm ein ausgezeichnetes Verhältnis. Dieser Mann hat sich dann vehement für mich eingesetzt mit dem Erfolg, dass ich bereits nach einem Jahr Wartezeit die schriftliche Zusage für den Kredit in Höhe von DM 2.500,– bekam. Das Geld wurde bei der Bank für mich bereitgestellt. (Übrigens: dieser Mann war der spätere Kommandant der „Gorch Fock“, dem berühmten Segelschulschiff der Deutschen Marine).

Nun begann ein neuer Hürdenlauf. Die Bank verlangte von mir nun für die Auszahlung des Kredites eine Grundsicherung oder eine Bürgschaft. Ich war allein auf mich gestellt. Wo sollte ich eine Grundsicherung hernehmen. Der Hauseigentümer hat mich bei der Frage nach einer Grundsicherung schlichtweg ausgelacht, denn wenn er das Geld über eine Grundschuld von der Bank kriegen würde, dann hätte er das selber gemacht, aber sein Budget war total ausgeschöpft. Mein Schwiegervater wurde als Bürge aus Altersgründen abgelehnt. Der Onkel hat uns zwar das Geld für kurze Zeit geliehen (inzwischen war schon über ein Jahr vergangen), aber auch er wurde aus Altersgründen abgelehnt.

In unserer Not gingen wir zu unserem Pater von der Gemeinde St. Nikolaus und erzählten ihm von unserer Lage. Wie überrascht waren wir nun, als er ohne weitere Kommentare sich als Bürge für das Geld zur Verfügung stellte. Damit war ein langer Kampf um eine kleine Wohnung zu Ende gegangen.

Wer diese Not einmal mitgemacht hat, der kann ermessen, was es heißt, ein Dach über dem Kopf zu haben. Unser Leben hat bewiesen: es geht auch ohne Fernseher, Waschmaschine, Wäschetrockner, Zentralheizung und Luxusauto. Aber mit dem Willen zur Arbeit und mit Beharrlichkeit, kann manche Hürde genommen werden. Wir können uns glücklich schätzen, dass es in der heutigen Zeit in Deutschland keine Wohnungsnot mehr gibt. - Aber zum Null-Tarif gibt es keine Wohnungen!!! In der Schule habe ich bereits vor 60 Jahren gelernt, dass man im Durchschnitt 1/3 seines Monatsgehaltes für die Wohnungsmiete aufbringen muss. Im Prinzip gilt das heute immer noch. In der Zwischenzeit habe ich mir zusätzlich zu meiner jetzigen Bleibe noch eine Mitwohnung dazu gekauft.

Es gibt heute viele Leute, die einfach ihr Mietgeld schuldig bleiben (sogenannte Miet-Nomaden). Mieter von mir sind mir nach ihrem Auszug noch €1.000,– schuldig geblieben. Die Nachfolger haben meine Wohnung mit 63 m² innerhalb von 2 Jahren verwüstet, Türen eintreten, und einen Schaden von € 6.000,– angerichtet (im Jahr 2009). Diese Leute bekommen vor Gericht auch noch Recht (weil bei Ihnen nichts zu holen ist) und erhalten vom Sozialamt die nächste Wohnung, dazu noch die entsprechende neue Einrichtung. Der Vermieter, der sich die Wohnung mit seiner Hände Arbeit als Alterssicherung erworben hat, bleibt auf dem Schaden sitzen. Die deutschen Gerichte entscheiden aber immer noch nach dem Prinzip: Eigentum verpflichtet! - Das tut weh!

August 23rd, 2011 horst, Tags: , ,

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Eine Brille auf Abwegen

Autor:  Johannes Malchàrek

Im Oktober 2010 startete ich mit zwei Kameraden noch einmal eine Bergtour über 2 Tage in meinem geliebten Karwendelgebirge. Mit der Bahn fuhren wir nach Hochzirl bei Innsbruck. Der Bahnhof von Hochzirl liegt auf einer Höhe von 922 Metern. Von dort aus stiegen wir, an der Garsberg-Alm (1.497 m) vorbei zum Solsteinhaus. Für die spätere Erklärung füge ich hier ein, dass ich in den Bergen meine Brille, mit eingeschliffenem Leseteil, grundsätzlich abnehme, da ich mit dem Leseteil der Brille den Boden unter mir nur verschwommen wahrnehme. Darum trage ich die Brille meist in einer Bauchtasche, oder aber in der Brusttasche meines Hemdes. - Das Solsteinhaus ist eine Alpenvereins-Hütte des Österreichischen Alpenvereins in 1.805 Metern Höhe. Überragt wird die Hütte im Westen von der Kuhloch- (2.297 m) und der Erl-Spitze (2.405 m), im Osten vom Großen Solstein (2.526 m). Am Solsteinhaus führen 6 Zustiegswege aus allen Richtungen zusammen. Darum ist die Hütte, besonders an den Wochenenden, fast immer ausgebucht. Ich hatte beim Hüttenwirt 2 Tage vor der Tour 3 Zimmerlager für uns reservieren lassen.

Nach der Nächtigung stiegen wir am nächsten Morgen um 8 Uhr, erst durch dichten Latschenbewuchs, dann durch loses Geröll, hinauf auf den großen Solstein. Nach 2 Stunden Kraxelei und 725 Höhenmetern standen wir auf dem Gipfel. Im Angesicht des Gipfelkreuzes sangen wir noch obligatorisch den 3-stimmigen Kanon „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“. Nach kurzer Rast gingen wir gemeinsam in Richtung Osten. Meine beiden Kameraden wollten noch den kleinen Solstein besteigen, der sinniger Weise noch um 107 Meter höher ist als der Große Solstein.

Nach kurzer Zeit trennten wir uns also, und ich suchte den Weg hinunter zur Neuen Magdeburger-Hütte. Ich hatte ihn auch bald gefunden und in mäßig steilen Serpentinen ging es hinunter. Doch schon bald wurde der Steig immer unkenntlicher. Auch wunderte ich mich, dass es keinerlei Markierungen gab. Das Gelände wurde immer schwieriger und steiler. Nach einer halben Stunde Kraxelei sondierte ich, dass ein weiterer Versuch an diesem steilen Hang den richtigen Weg zu finden einfach zu gefährlich, wenn nicht sogar lebensgefährlich werden könnte. In der Zwischenzeit hatte ich am Gegenhang einen Weg erspähen können, auf dem einige Wanderer nach oben stiegen. Ich kehrte also um und stieg auf gleichen Spuren wieder hinauf. Oben kam ich zu einem Wegweiser, der den richtigen Weg zur Neuen Magdeburger-Hütte anzeigte. Ich hatte also bereits eine Stunde Zeit verloren.

Nun ging es in losem Geröll stets abwärts. Es ist ein unwegsames Gelände, ein lang gezogenes Kar mit etwa 45 Grad Schräge und ca. 300 Meter abwärts. Meine Wanderstäbe besitze und benutze ich schon seit über 20 Jahren, aber hier bewährten sie sich wieder einmal ganz besonders. Jeden Schritt musste ich im losen Gestein ertasten und ausbalancieren mit mehr oder weniger Erfolg. Es war eine einzige Rutschpartie. Es kam, wie es kommen musste: Links erhob sich eine Steilwand, rechts ging es steil in das Kar hinab. Der Weg war hier eine schräg liegende glatte Steinplatte. Für meine Wanderschuhe normalerweise keine Schwierigkeit. Doch auf dieser Platte lagen immer wieder kleine Sand- bzw. Kieskörner. Diese wirken, wenn man darauf tritt wie Kugellager. Schneller als ich reagieren konne saß ich schon auf meinen vier Buchstaben. Die linke Hand wurde dabei am Fels aufgeschürft.  Mit äußerster Vorsicht erhob ich mich, doch schon nach zwei Schritten ereilte mich noch einmal das gleiche Schicksal. Nun musste mein rechter Ellbogen etwas Haut ablassen. Die linke Hand blutete, und vom Ellbogen herab bildete sich eine Blutspur bis zur rechten Hand. Doch mit solchen Kleinigkeiten muss man im Hochgebirge rechnen. Ich setzte meinen Abstieg fort, erreichte erst ein langes Latschenfeld, und je tiefer ich stieg,

desto mehr wurden die Latschen von Nadelbäumen abgelöst. Dann öffnete sich abrupt die Landschaft, und die Neue Magdeburger-Hütte (1.637 m) lag vor mir.
Ich hatte bis hier her bereits 720 Meter Aufstieg und 900 Meter Abstieg bewältigt. So setzte ich mich vor der Hütte auf einen freien Platz an der Sonne und bestellte mir gleich ein Bier. Dann nahm ich meine Wanderkarte heraus um die zurückgelegte Strecke noch einmal näher zu lokalisieren. Ich wollte meine Brille aus der Brusttasche nehmen, doch sie war nicht mehr da. Die Bauchtasche hatte ich nicht benutzt, also musste ich die Brille bei meinen Stürzen verloren haben. Ich dachte gleich daran, dass dies nun doch eine teure Bergtour geworden ist. Die Bedienung brachte mir mein Bier und fragte mitleidig: „Oh, haben Sie sich verletzt?“ „Das ist nicht so schlimm“, erwiderte ich ihr, „schlimmer ist, dass ich meine Brille dabei verloren habe!“ - Aber jammern nützt nichts, und so ging ich erst einmal in den Waschraum um mein rinnendes Blut zu entfernen und die Schürfwunden zu versorgen. Erwähnenswert ist noch in diesem Zusammenhang, dass ich aus Vorsorge-Gründen ein stark wirkendes blutverdünnendes Medikament einnehmen muss. Damit bin ich ein sogenannter „Bluter“, also ist bei Verletzungen äußerste Vorsicht geboten.

Dann, es war inzwischen schon nach 14.00 Uhr, nahm ich meine Brotbüchse aus dem Rucksack, und versorgte meinen Körper mit neuen Lebensgeistern. Meine Wanderkarte konnte ich trotzdem studieren, da ich immer eine Lupe als Reserve mit mir führe. Aber der Verlust der fast neuen Brille ließ meine Gedanken nicht los. Trotzdem genoss ich den wunderschönen Sonnentag auf einer Bank vor der Hütte. Gespräche mit anderen Wanderern und Austausch von Erfahrungen in den Bergen verkürzte mir so die Wartezeit, bis meine beiden Wanderfreunde eintreffen würden.

Eine Stunde später kamen meine zwei Wanderfreunde auch an der Hütte an. Sofort bemerkte ich bei dem einen an der linken Hand eine Verletzung, ähnlich wie bei mir. Er fing auch gleich mit seiner Erzählung an: Genau an der gleichen Stelle, an der ich das Gleichgewicht verlor, hat er ebenfalls den Halt auf der Felsplatte verloren. Beim folgenden Sturz verletzte er sich auch an der Felswand die linke Hand. Als er sich wieder aufrappelte, sah er zu seinen Füßen eine Brille liegen. Sofort konstatierte er: „Das ist Johannes seine Brille!“ Er steckte sie sorgfältig ein, um sie mit hinunter zu nehmen. – Nun sah er mich erwartungsvoll an, hielt mir eine Brille entgegen, und fragte scheinheilig: „Kannst Du mit dieser Brille auch lesen?“ Schon wollte ich sagen, dass ich nicht jede Brille gebrauchen kann. Nur kurz warf ich einen Blick auf das Augenglas, da war mir klar: „Das ist meine Brille!“ Die Freude, meine Brille wieder zu haben, war genauso groß, wir die Genugtuung meiner Kameraden, die mir damit  einen sehr großen Dienst erwiesen haben. Hier, jetzt, an der Neuen Magdeburger-Hütte, konnte ich mich glücklich schätzen, dass das Schicksal manchmal seltsame Wege geht.

Damit schließt sich der Kreis. Braunschweiger Im Nachhinein macht man sich Gedanken: War das nur ein reiner Zufall? Oder gibt es Sachen, die gibt es gar nicht?

November 26th, 2010 horst, Tags: , , ,

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Hungerjahre

Autor:  Johannes Malchàrek

Beginnen wir mit den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945. Mein Vater wurde bereits zu Beginn des Krieges zur Wehrmacht eingezogen. Unser Friseurgeschäft wurde anfangs von meiner Mutter und den Angestellten weiter geführt. 1942 war ich 11 Jahre alt. Ich hatte noch 3 Geschwister, 2 Schwestern und einen Bruder. Unsere Heimat war eine Kleinstadt am Rande des Südharzes. Durch das Friseurgeschäft waren wir natürlich überall im Ort bekannt. Auch durch die sportlichen Aktivitäten meines Vaters hatten wir viele Freunde und Bekannte.

Die Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln für den täglichen Bedarf war während dieser Zeit von der Regierung her gesorgt. Um den Mangel an bestimmten Konsumgütern besser verwalten zu können, wurden Berechtigungsscheine für den Bezug von Gütern ausgegeben. Diese Berechtigungsscheine waren auf die Bedürfnisse der Bürger abgestimmt, zum Beispiel für Kinder, für werdende Mütter, für Fronturlauber oder Schwerarbeiter. So gab es Lebensmittelkarten für Brot, Fett, Eier, Fleisch, Zucker, Seifen und Kleider. Damit war die Versorgung der Bürger einigermaßen sicher gestellt, wenn auch auf recht niederem Niveau. Read the rest of this entry »

July 2nd, 2010 horst, Tags: , , ,

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Die Grenze - Deutschland / Deutschland

Autor:  Johannes Malchàrek

Die Europäische Beratende Kommission hatte bereits am 15. Januar 1944 vorgeschlagen, nach Beendigung des 2.Weltkrieges Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 zu Besatzungszonen aufzuteilen. Den nordwestlichen Teil sollten die Briten, den nordsüdlichen Teil die Amerikaner und den östlichen Teil die Sowjets zur Verwaltung erhalten. Von der deutschen Hauptstadt Berlin wurde der nordöstliche Teil den Sowjets zugesprochen.

Ursprünglich wollten die Sowjets den Franzosen keine eigene Besatzungszone zugestehen, da Josef Stalin den Einwand brachte, die Franzosen hätten wenig zum Sieg gegen Deutschland beigetragen und hätten im Gegenteil den Deutschen Truppen in Frankreich Tür und Tor geöffnet. Doch im Nachhinein erhielten die Franzosen die südliche Rheinprovinz Hohenzollern, das südliche Württemberg, das Land Baden, die bayerische Pfalz und den linksrheinischen Teil von Rheinhessen zur Verwaltung. Read the rest of this entry »

December 13th, 2009 horst, Tags: , ,

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Eine Reise nach Israel

Autor:  Ingrid Raum

Im Jahr 1992 lernte mein Mann auf dem Frankfurter Flughafen einen jungen israelischen Geschäftsmann kennen, der auf seinen Reisen zwischen seiner Heimat Tel Aviv und Hong Kong und Südafrika immer in Frankfurt zwischenlandete. Die beiden Männer waren sich auf Anhieb sympathisch und mein Mann lud diesen jungen Israeli spontan ein, wenn er wieder einmal in Frankfurt sei, einen Abstecher nach Nürnberg zu machen. Die Stadt war ihm unbekannt und die Schilderung meines Mannes musste so gewesen sein, dass er sich dazu entschloss. Einige Wochen später klingelte bei uns das Telefon, ein Anruf aus Hong Kong – ob es uns passen würde, er sei nächste Woche in Frankfurt und könne 2 Tage nach Nürnberg kommen. Read the rest of this entry »

November 15th, 2009 horst, Tags: , , , ,

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Plötzlich waren die Russen da

Autor:  Dieter Wilhelm

Man hatte ja sehr viel Grauenhaftes von den Russen­einmärschen in Ostpreußen gehört. Obwohl vieles nur Propaganda war und uns objektive Berichte nicht zur Verfügung standen , das Abhören von „Feindsen­dern“ wurde mit Zuchthaus bestraft, ist sicherlich viel vorgefallen. Unsere Eltern waren sehr in Sorge. Zu­letzt war der Krieg so nahe, dass wir die Granaten flie­gen hörten. Eine schlug unvermittelt ein und tötete eine Passantin, die lag plötzlich ohne Kopf da. Unsere jugendliche Begeisterung für das Kriegsspielen ver­rauchte ganz schnell. Read the rest of this entry »

November 15th, 2009 horst, Tags: ,

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Eine Bootsfahrt die ist lustig

Autor:  Kurt Raum

In den 80iger Jahren haben wir die Liebe zu Hausbootfahrten in Frankreich entdeckt. Mittlerweilen kennen wir sehr viele Kanäle und Flüsse, die wir mit verschiedenen Hausboottypen befahren haben. Das erste Mal waren wir nur zu Dritt, d.h. meine Frau, mein Sohn und ich.

Die erste Schiffsfahrt ging von Saint-Jean-de-Losgne auf der Saone nördlich bis Gray. Es war eine sehr interessante Fahrt, da es zum ersten Mal ein Urlaub mit einem Hausboot war. Das erste Erlebnis war in Auxonne. Wir legten im Hafen an und wurden plötzlich durch laute Gespräche geweckt. Ich schaute nach draußen und bemerkte, dass alle unsere Boote abgehängt wurden und wir auf ein Wehr zutrieben. Read the rest of this entry »

November 3rd, 2009 horst, Tags: ,

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Eine abenteuerliche Reise nach Jordanien

Autor:   Kurt Raum 

Meine Jugend verbrachte ich in Hersbruck, einer Kleinstadt mit damals ca. 10.000 Einwohnern. Das war 1958. In dieser Kleinstadt tauchten plötzlich fünf Araber auf, die in den Faun-Werken bei Lauf/Pegnitz ein Praktikum absolvierten. Soud, Faruk, Ibrahim und Marwan kamen aus Jordanien und Magdi kam aus Ägypten.

Wir verbrachten viel Freizeit miteinander und langsam konnte ich auch das eine oder andere Wort in Arabisch sprechen. Auch die Gäste aus Jordanien und Ägypten gewöhnten sich an unsere Sitten und Gebräuche und tranken im Jazz-Keller, den ich mit meinen deutschen Freunden selbst eingerichtet hatte, ziemlich viel Alkohol und aßen auch sehr gerne Bratwürste und Schweinebraten.

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October 28th, 2009 horst, Tags: , ,

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